Dr. phil. Dr. theol. Michael Lütge, Pfarrer, Gestalttherapeut, Religionsphilosoph, Religionswissenschaftler
fußnotenloser Auszug aus:
"Wachstum der Gestalttherapie und Jesu Saat im Acker der Welt. Psychotherapie als Selbsthilfe"
Lang-Verlag Frankfurt, 1997 824 Seiten ISBN 3-631-32666-1

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    Seite 5-46

    1.1. Zur Entstehungsgeschichte der Gestalttherapie Fritz Perls'

    1.1.1 Erkenntnisinteressen und Lebensgeschichte 5

    1.1.2. Lebensgeschichte von Fritz und Lore Perls bis 1941 6

    1.1.3 Das Ich, der Hunger und die Aggression (1942) 17

    1.1.3.1 Überblick 17

    1.1.3.2 Geistiger Nährboden 18

    1.1.3.3 Intakte und gestörte Selbstregulation des Organismus 24

    1.1.3.3.1 Sinnliche Realität als Einsatzpunkt von Wahrnehmung überhaupt 24

    1.1.3.3.2 Zeitlichkeit menschlicher Pathogenese und Priorität der Gegenwart 25

    1.1.3.3.3 Soziale Realität als Feld des Menschen 26

    1.1.3.3.4 Kultur und Moral als Entkräftung organismischer Selbstregulation 27

    1.1.3.3.5 Neurose als gestörte Selbstregulation 30

    1.1.3.3.6 Realitätsvermeidung und ihre Strategien der Abwehr 31

    1.1.2.2.7 Angst als Sauerstoffproblem und Verkrampfung 32

    1.1.3.3.8 Hunger und Aggression als aktiver Weltbezug 33

    1.1.3.3.9 Retroflexion als autodestruktive Aggressionshemmung 34

    1.1.3.3.10 Introjektion als Uneigentlichkeit und Assimilation als Aneignung 35

    1.1.3.3.11 Das Ich als Kontaktstelle und Grenze zur Welt 36

    1.1.3.3.12 Neurotische Abspaltungsprozesse im Ich und der Gesellschaft 37

    1.1.3.3.13 Projektion als halluzinatorische Extrapolation des Verdrängten 38

    1.1.3.3.14 Paranoider Pseudostoffwechsel 38

    1.1.3.4 Konzentrationstherapie als Rekonditionierung leiblicher awareness 39

    1.1.3.4.1 Widerstand als Beistand 41

    1.1.3.4.2 Konzentration der Aufmerksamkeit auf das Leibgeschehen 41

    1.1.3.4.3 Übertragung 43

    1.1.3.4.4 Retroflexionsänderung 44

    1.1.3.4.5 Unvollständige Situationen lösen 45

    1.1.3.4.6 Atmen als Umweltkontakt und unmittelbarster Gefühlsausdruck 46

    1.1.3.4.7 Negative Zieltaxonomie: Aufhebung gesellschaftlicher Pathogenese 46


    1.1.1 Erkenntnisinteressen und Lebensgeschichte

    Jede wissenschaftliche Erkenntnis und methodologische Entwicklung befriedigt Interesse und Bedürfnislage dessen, der sie entwickelt.(1) Der Stil der Gestalttherapie befriedigt das expressive Bedürfnis sowohl von Perls als auch von denen, die unter dem Namen Gestalttherapie als Therapeuten oder Klienten sich einfinden, um den Sinn ihrer Verhaltensrätsel zu entschlüsseln. Es ist Freude am Spielen, am dramatischen Ausdruck der eigenen Gefühle, aber auch Freude an der Veränderung des Verhaltens und der Verhältnisse. Gestalten ist Experimentieren, Suche nach neuen Möglichkeiten des Selbst und der Welt. Dieser Impuls eines experimentum mundi im Therapieraum war auch Freud zu eigen.(2) Die Freudsche Theorie von unbewußter Triebstruktur als Motor des Verhaltens(3), zu dem letztlich auch wissenschaftliches Verhalten gehört, intentiert im Spiel der Kräfte von Es und Über-Ich Freiheitsgewinn für das Ich. »Aber wie in der klinischen Situation, so ist in der Gesellschaft mit dem pathologischen Zwang selbst auch das Interesse an seiner Aufhebung gesetzt.«(4) Die Logik der Wissenschaften hat in sich ein Moment der Selbstüberschreitung zur Aufhebung der Konstellation, die sie zwang, zwanghaft zu sein: »Das Vernunftinteresse ist ein Zug zur fortschreitenden kritisch-revolutionären, aber versuchsweisen Verwirklichung der großen Menschheitsillusionen, in denen die unterdrückten Motive zu Hoffnungsphantasien ausgearbeitet worden sind.«(5) Perls selbst deutet an, daß die Theorien Problemlösungsmodelle sind, sowohl für die pathologischen als auch die validen Anteile der Theoretiker: »Die wechselseitige Abhängigkeit zwischen dem Beobachter und den beobachteten Fakten, die die heutige Wissenschaft postuliert, ist durch Freuds Entdeckungen vollständig bestätigt worden. Infolgedessen sollte man sein System nicht betrachten, ohne ihn als den Urheber miteinzubeziehen.«(6)

    1.1.2. Lebensgeschichte von Fritz und Lore Perls bis 1941

    Diesem Ratschlag folgend seien hier nacheinander die Biografie von Fritz und dann von Lore Perls erzählt, zunächst bis zum Erscheinungspunkt des ersten theoretischen Werks, mit dem Gestalttherapie Gestalt gewinnt, der Produktion von »Ego, Hunger and Aggression« 1942 in Südafrika. Dabei werde ich panoramisch und nicht, wie in Perls' Autobiographie(7) betrieben, unter quasi thematischen Leitmotiven heranassoziiert, die mannigfaltigen geistigen Einflüsse der beiden Perls in der ungeordneten Verquickung darstellen, die die Fülle gelebten Lebens nun einmal bietet.

    Als drittes Kind und einziger Junge einer jüdischen Weinhändlersfamilie (Der Vater war Handlungsreisender für die Firma Rothschild!) in Berlin am 8. Juli 1893 geboren, wächst Friedrich Salomon Perls in einem zwiespältigen Verhältnis zu seinem patriarchalischen, ehrgeizigen Vater auf, schwankend zwischen Bewunderung des Vaters mit seinem langen Bart und seiner machtvollen Statur(8) und Abscheu vor dessen Unfähigkeit, seinen gepredigten moralischen Grundsätzen eines Möchtegern-Großmeisters einer Freimaurerloge selbst nachzukommen.(9) Er legte aufgrund dieser Vatererfahrungen zeitlebens Wert auf Klarheit und Ehrlichkeit.

    Mit seiner älteren Schwester Else, ihrer Anhänglichkeit und ihrem schweren Augenleiden, hat er ein so abstoßendes Verhältnis, daß ihr Tod im Konzentrationslager ihn nicht besonders trifft.(10) Zu seiner jüngeren Schwester Grete, einem »Lausbub«(11), hat er eine innige Beziehung, die auch nach ihrer Ehe mit einem Violinenbauer und ihrer gemeinsamen Emigration nach Israel und von da in die Staaten anhält.(12)

    Seine Mutter, eine Schneiderstochter, spart jeden Groschen, um ihren Kindern Theaterbesuche, Schwimmunterricht - Perls war eine Wasserratte - und musische Fähigkeiten angedeihen zu lassen. Für die Geigenstunde reicht das Geld aber nicht. Vom Zutrauen seiner Mutter in die Begabung ihres Sohnes empfängt Perls das starke Selbstbewußtsein.(13) In der Grundschule erlebt er Sicherheit und Geborgenheit, ist Klassenbester, konnte schon lesen, bevor er in die Schule kam.(14) Er rebelliert(15), als der Wechsel in die fremde und rigide Atmosphäre des Mommsen-Gymnasiums ihn massiv unter dem antisemitischen Klima dort leiden läßt, fällt in seinen Leistungen radikal ab, bleibt zweimal sitzen, fliegt von der Schule, wird für seine Mutter unbezähmbares enfant terrible.(16) Die bürgerlichen Tabus wirken hemmend auf eine unbeschwerte genitale Selbsterfahrung des jungen Perls(17) und bewirken, daß er sich lebenslang »zwanghaft geil«(18) fühlt. Mit seinem Freund Ferdinand Knopf, mit dem er in jugendlicher Unbedarftheit mit 13 Jahren im Grunewald eine Prostituierte konsultiert, findet er gemeinsam nach einer mit Entlassung endenden Lehrstelle bei einem Tuchhändler schließlich einen Platz auf dem humanistisch orientierten Askanischen Gymnasium, wo er sein Abitur glanzvoll besteht.(19)

    An die Schule schließt sich das Studium der Medizin an. Als Schüler und nachher noch als Medizinstudent verdient er sich sein Taschengeld als Statist am expressionistischen Deutschen Theater bei Max Reinhardt, der ihm auch kleinere Rollen überträgt.(20) Seine Schwester Margarete Gutfreund entsinnt sich: »Fritz loved the theatre; he always wanted the theatre... When he was a teenager, enroled in the gymnasium, he saw that Reinhardt was giving classes. He signed up and had small parts in the plays... He took a lot from the theatre for his workshops later«.(21) Und Perls selbst: »Max Reinhardt war der erste kreative Genius, den ich traf. Die Träume des Dramatikers mußten Wirklichkeit werden. Die gemalten Kulissen mußten verschwinden. Die übertriebenen Stimmen der Schauspieler mußten verschwinden. Charaktere, die keinen Kontakt zu ihren Mitspielern hatten, mußten verschwinden. Nichts blieb unangetastet, bis das Stück in eine reale Welt transzendierte...«(22)

    Träume szenisch zu gestalten und sie damit zu einer theatralisch-künstlerischen Form von kommunizierbarer Realität zu machen, ist hier angelegt. Dies wird in der Gestalttherapie später in psychodramatischer Gruppenarbeit fruchtbar gemacht für die Entdeckung der abgespaltenen und darum um so eigenmächtiger virulenten gesellschaftlich nicht lizensierten Bedürfnisdispositionen, die zu reintegrieren zur »geschlossenen Gestalt« das Ziel der therapeutischen Arbeit ist. Theater ist für Perls keine Scheinwelt, sondern eine Form von Realität selbst. Die Gestaltung eines Theaterstücks erschafft quasi eine neue Realität, um so mehr, je authentischer die innere Konsistenz der Darstellung wird. »All das wurde zu Leben von äußerster Intensität und war nicht nur Theater.«(23) Die späteren Videos seiner Arbeit mit Gruppen im kalifornischen Esalen-Institut von Big Sur, die Perls scherzhaft oft »Fritzes circus« nannte, sind die späten Erfüllungen der frühen Jugendträume vom Theaterdirektor.(24)

    Der junge Perls fühlt sich neben dem expressionistischen Theater auch hingezogen zu Kreisen des Bauhauses und linksintellektueller Künstlerboheme des Berlins der Zwanziger Jahre. Er steht in persönlichem Kontakt mit Salomon Friedlaender, einen meisterhaften expressionistischen Erzähler(25), den er verehrt, in der Inflationszeit aus den USA mit Paketen versorgt und dessen Theorie der schöpferischen Indifferenz er später adaptiert. Perls versucht sich auch selbst literarisch mit Gedichten.(26)

    Die Intention des Expressionismus hebt auf die realitätsschaffende Kraft der Subjektivität, des Gefühls, der Intuition, der Kreativität ab und korrigiert damit das mechanistische und positivistische Wissenschaftsparadigma einer unreflektierten Objektivitätsgläubigkeit, die ihren Ausdruck nicht zuletzt auch in den surreal anmutenden Materialschlachten des Ersten Weltkriegs fand.

    Auch Perls war von dieser Entwicklung betroffen, als er 1914 gemustert und aus dem Studium gezogen wurde. Sein Eindruck vom Krieg läßt den Leser seiner »Mülltonne« erschauern: »Ich hatte bereits einen gewissen Grad an Härte und Gefühllosigkeit erreicht, aber es gab zwei Formen des Todes, die ich kaum ertragen konnte. Das eine waren die Kommandos nach den Angriffen. Nachdem die Gas-Wolke über die feindlichen Linien gezogen war, kletterten sie aus ihren Gräben. Sie waren mit einem langen, biegsamen Hammer bewaffnet, mit dem sie jeden, der noch ein Lebenszeichen von sich gab, erschlugen. Ich habe nie herausgefunden, ob sie dies taten, um Munition zu sparen, oder um keine Aufmerksamkeit zu erregen, oder aber aus reinem sadistischen Vergnügen.«(27) Als »landsturmtauglich«, gerastert in die unsportlichste Kategorie von »Menschenmaterial«, meldet er sich freiwillig als Soldat beim Roten Kreuz für den Einsatz außerhalb der Kampfbereiche. Dabei kann er die meiste Zeit in Berlin bleiben und das Studium fortsetzen. Bei einem vierwöchigen Sanitätseinsatz in Mons (Belgien) versorgt er zügeweise von der Front verletzt zurückgebrachte deutsche Soldaten, die es nicht dulden, daß er auch britischen Schwerverwundeten Wasser und Kaffee geben will. Ein belgisches Mädchen verliebt sich in ihn. »Geh nicht in den Krieg«, sagt sie immer wieder. Perls muß ab 1916 dann auch in den Fronteinsatz. Er meldet sich zur Zeppelin-Einheit, ist aber bald wieder im Sanitätsdienst, wo er im Bombenhagel 1917 Verwundete versorgt und das Eiserne Kreuz bekommt.(28) »Ich wurde zurückgeschickt, um das 'Physikum' abzulegen... Dann mußte ich wieder hinaus, und nach einem Jahr... wurde ich Leutnant, bis ich es schließlich zum Oberleutnant brachte. Und dann, nachdem ich zurückgekehrt war, hatten wir gekürzte Lehrpläne, so daß wir in einem Jahr vier Semester machen konnten.«(29)

    Nach dem Krieg studiert er weiter in Freiburg Medizin und ist mitgerissen von der anarchistischen Aufbruchsstimmung der Arbeiter- und Soldatenräterepublik im Angesicht des niedergeschlagenen Kaiserreichs.(30) Lore Perls beschreibt die Aktivitäten ihres Mannes zu dieser Zeit: »Much earlier, in 1919, when Fritz was an advanced medical student at the University of Freiburg, he had to leave there because of leftist activities. He was involved with the Arbeiter- und Soldatenrat, which was the political advisory council. They were people from the army, ex-officers, like himself, sympathizing with the workers. I think he was afraid of beeing killed and left Freiburg and went back to Berlin and finished his degree there.«(31) Perls selbst erinnert sich: »Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg war sehr unruhig. Überall waren politische Gruppen, in denen revolutionäre Ideen diskutiert wurden. Marx hat mich fasziniert... und dann die russische Revolution. Am meisten aber die Ideen von Gustav Landauer«.(32)

    Gustav Landauer greift schon 1909 frühmarxistische Romantik auf(33), indem er die technische Kälte entfremdeter Produktionsverhältnisse aufbrechen will: Die entfremdet arbeitenden Menschen haben »keine oder verschrumpfte Beziehungen zur Natur; sie wissen nicht, was Pathos, Freude, was Ernst und Innigkeit, was Erschauern und was Tragik ist: sie erleben sich nicht; sie können nicht lächeln und nicht Kind sein«.(34) Landauer beklagt, daß »all dieses Schimpfliche der Umgebung längst ein Stück meines Grundes, meines Lebens, meiner Körperhaltung sogar und Mienen geworden ist. Daß ich wie zusammengekrampft war und einem übermächtigen Drucke fast erlag, daß ich kurzen Atems war und mir das Herz bis zum Halse hinaufschlug«.(35) Eine gewisse Sensitivität für Leiblichkeit war also in der anarchistischen Szene im Berlin der Räterepublik schon angelegt und in einer vorwissenschaftlichen Form von Sozialpsychologie als eine mit den Produktionsverhältnissen zutiefst verwobene Grunderfahrung aufgespürt. Die ökonomische Konzeption Landauers ist nicht nur gegen die faktische Anarchie des akkumulativen kapitalistischen Marktmechanismus und die diesem immanente Exploration der Ware Arbeitskraft, sondern auch gegen den zentralistischen Bolschewismus der russischen Revolution gerichtet: »Die Grundform der sozialistischen Kultur ist der Bund der selbständig wirtschaftenden und untereinander tauschenden Gemeinden«.(36) »So wollen wir uns denn aneinanderschließen und wollen darauf ausgehen, sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer, sozialistische Gemeinden zu gründen.«(37) Die Koordination der Produktion und der Warentausch sollen nicht vertikal-hierarchisch unter einer den Einzelnen entmündigenden Vormundschaft der proletarisch-diktatorischen Partei erfolgen, sondern nach dem Modell miteinander kommunizierender, in sich autonomer und historisch gewachsener sozialer Zellen. Die soziale Initiative komme nicht von oben als staatliche Weisung oder Marktgesetze, sondern als Resultat eines beständigen Gruppenprozesses der Gütergemeinschaften und Genossenschaften. Diese anarchistische Intention der Selbstverantwortung jedes Subsystems und der Mitverantwortung im Gesamtsystem hat die Praxis der Gestalttherapie in ihrer Zentrierung auf die Verantwortung des Einzelnen für sich und für die Gruppe entscheidend mitbestimmt. Anarchistisches Gedankengut ist damit prägend in die Gestalttherapie eingeflossen.

    Perls macht sein medizinisches Examen 1920 und promoviert ein Jahr später.(38) Er eröffnet eine Praxis in Berlin. Weil das Leben in Berlin immer schwieriger wird durch den Währungszerfall(39) mit dem Höhepunkt der Inflation in der Weltwirtschaftskrise 1923, durch die mit politischen Morden und Putschversuchen operierenden Terrorakte der Rechtsextremisten und durch den nach rechts hin duldsamen Staat des Stresemannschen Koalitionskabinetts, verläßt Perls Berlin und geht in die Staaten: »In Deutschland hatten wir die Inflation und ein entfernter Verwandter kam vorbei und er machte den Vorschlag, daß ich in die Staaten kommen sollte. Ich fühlte mich hier aber nicht wohl.«(40) Sein deutsches Examen wird in der USA nicht anerkannt. Er findet die Amerikaner »so infantil und primitiv und naiv«(41), daß es für ihn wie gerufen kommt, als seine Schwester Margarete ihn braucht. Er geht zurück nach Berlin und führt ab 1924 wieder eine gutgehende Praxis.(42) Zwei Jahre etwa bleibt er dort. 1925 beginnt er seine Psychoanalyse bei der Freud-Revisionistin Karen Horney. Zu ihr entwickelt sich ein sehr vertrauensvolles Verhältnis, was auch nach Abschluß der Analyse sich noch manches Mal auf den Stationen von Perls' Lebensweg wegweisend auswirkt.(43)

    Lucy, die attraktive Tochter seines Onkels Hermann Staub, eines berühmten Rechtswissenschaftlers in Berlin, vom Vater mit 13 sexuell mißbraucht, übt auf Perls eine erregende Faszination aus mit ihrer besitzergreifenden Leidenschaft. Sie sagt, als er sie kennenlernt bei einem Krankenhausbesuch anläßlich ihrer Nierenoperation: »Du bist schön, komm küß mich!«(44) Er hat ein sehr leidenschaftliches Verhältnis mit ihr und reißt sich 1926 von diesem Abenteuer mit ersten kollektiv-erotischen Erlebnissen los. Lucy ist für ihn durch ihre magische Anziehung eine Bedrohung seiner Widerstandskraft. Sie stirbt später an einer Überdosis Morphium: Bild des typischen Mißbrauchsopfers, was in die typische Drogenkarriere mit mortalem Ausgang abdriftet.

    Karen Horney rät Perls, die Analyse bei ihrer Schülerin Clara Happel in Frankfurt fortzusetzen. So verläßt er Berlin und nimmt in Frankfurt für einige Monate eine Assistentenstelle am Institut von Kurt Goldstein an, der Soldaten mit Hirnverletzungen aus dem Ersten Weltkrieg neurophysiologisch unter der Axiomatik der Berliner gestaltpsychologischen Schule untersucht. »Was mich jedoch faszinierte, war der Gestaltansatz. Zum ersten Mal kam man ab von dieser Zergliederung und bekam eine Perspektive. Und Kurt Goldstein war der erste, der die Neurologie revolutionierte, und zwar von der Gestalt-Psychologie her.«(45)

    Hier legt sich der Grund zur Bezeichnung der von ihm entwickelten Therapieform als »Gestalt«-Therapie, der erst später zum Zuge kam. »Leider war ich 1926, als ich am Frankfurter Neurologischen Institut bei ihm arbeitete, noch zu sehr von der orthodoxen psychoanalytischen Methode eingenommen, so daß ich nur einen Bruchteil, was mir geboten wurde, aufnehmen konnte.«(46) Dabei bleibt es auch. Perls hat sich niemals intensiver mit der Berliner Gestaltschule befaßt: »Ich bewunderte vieles, was sie taten, vor allem die frühe Arbeit von Kurt Lewin. Als sie logische Positivisten wurden, konnte ich ihnen nicht mehr folgen. Ich habe keines ihrer Lehrbücher gelesen, lediglich ein paar Aufsätze von Lewin, Wertheimer und Köhler. Am wichtigsten war für mich die Vorstellung der unerledigten Situation, die offene Gestalt.«(47)

    Die Theoreme der Gestaltpsychologie beschreiben die Funktionsweise des menschlichen Nervensystems im Stimulus-Reaktions-Wechselspiel mit der Umwelt des wahrnehmenden und handelnden Menschen. Goldstein entwickelte Lehre vom auf Selbstverwirklichung zielenden Wechselspiel des Organismus mit dem Umfeld, in dem sich immer neue Bedürfnisfiguren in den Vordergrund des bewußten Wahrnehmens drängen und nach Befriedigung des Bedürfnisses wieder im Hintergrund verschwimmen. Kurt Koffka sprach von Wahrnehmung als einer nicht durch objektive Stimuli determinierten, sondern durch subjektive Dispositionen motivierte Selektion der potentiell wahrnehmbaren Welt. Wolfgang Köhler stellte die Annahme einer Isomorphie, der essentiellen Einheit von hirnphysiologischen und psychischen Prozessen auf. Max Wertheimer vertiefte die Einsicht von der Einheit von Fühlen und Intellekt im Evidenzerlebnis des Offensichtlichen. Kurt Lewin übernahm den Einsteinschen Feldbegriff als räumliche Erscheinungsform von Materie in die Annahme einer Mensch-Welt-Zeit-Interdependenz.(48) Hier formen sich Erkenntnisse, die für die Ablösung des atomistisch-mechanistischen Paradigmas psychischer Struktur von Freud zugunsten eines kybernetisch-funktionalen Paradigmas des multidimensionalen Stoffwechsels zwischen Individuum und sozialer, ökologischer, geistiger Umgebung bestimmend sein werden.

    In den Seminaren am Frankfurter Neurologischen Institut Kurt Goldsteins lernt Perls eine Psychologiestudentin namens Lore Posner kennen.(49) Sie promoviert später bei Adhémar Gelb über Farbkontraste und Farbkonstanz in der Wahrnehmung, ein Kernthema der Gestaltpsychologie, die Goldstein und Gelb im Anschluß an die Berliner entwickelten. Lore ist dadurch kompetenter in der Gestalttheorie als Perls.

    Lore stammt aus einem bürgerlich-humanistisch orientierten jüdischen Elternhaus. Sie ist 1906 in Pforzheim geboren, Älteste neben der schönen, koketten Liesel und dem jüngsten, Robert. Die sensible, klavierliebende Mutter zieht sich oft hinter ihre Schwerhörigkeit zurück. Lore hegt eine tiefe Abneigung gegen sie.(50) Der Vater kann als Kaufmann ein Leben ohne finanzielle Sorgen bieten und verwöhnt seine Tochter in großer Freizügigkeit.(51) Dadurch ist Lore eine privilegiert künstlerische Ausbildung zugekommen, wie sie typisch ist für »höhere Töchter«. Diese schichtmäßig bedingte Möglichkeit feinsinniger und tiefer Sensibilisierung unterscheidet sie von Fritz zeitlebens und bringt eine ewige Rivalität zwischen die beiden, die zumindest auch als Ausdruck von schichtspezifischen Sozialisationsbedingungen gewertet werden darf.(52) War für Fritz Geigenstunde nicht finanzierbar, so bekommt Lore eine pianistische Ausbildung bis zur Konzertreife. Hat Fritz sich sein Taschengeld als Statist im Deutschen Theater verdient, so lernt Lore modernen Ausdruckstanz in der Tradition von Mary Wigman, Eurhytmie nach Rudolf Steiner, Bewegungsarbeit nach Elsa Gindler und Moshe Feldenkrais. Sie beschäftigt sich auch intensiv mit Literatur.(53) Damit bringt Lore ein immenses künstlerisch-kreatives Potential in die spätere therapeutische Arbeit ein.(54) Ihre Sensibilität für körpersprachlichen Ausdruck und eine ganzheitliche Wahrnehmung menschlicher Kommunikation ist von klein auf geprägt. Sie studiert in Frankfurt mit 20 Jahren nicht nur Psychologie bei Goldstein und Gelb, sondern auch Philosophie und hört, genau wie Fritz, Max Scheler, Martin Buber und Paul Tillich. Ursprünglich will sie Jugendrichterin werden. Bei Kurt Goldstein wird in den Seminaren die existentialistische Philosophie Heideggers und Schelers bearbeitet. Max Scheler stirbt aber schon kurz nach seiner Antrittsvorlesung und der Lehrstuhl geht an Paul Tillich über.(55) »Tillich und Martin Buber... hatten mehr Einfluß auf mich als alle Psychologen und Psychoanalytiker. Ich war beeindruckt von der Art, wie sie Menschen respektierten«, erinnert sich Lore.(56)

    Das theologische Erbe der beiden Perls ist eine jüdisch-christliche Theologie der Erfahrung: der Unmittelbarkeit religiösen Erlebens im Begegnen mit Menschen und der Welt als Verkörperungen des darin hervorscheinenden ewigen Du ist quasi der jüdische Pol der Gotteserfahrung.(57) Die christliche Perspektive dessen, was sich trennend zwischen Menschen schiebt und Erfüllung verstellt, die Entfremdung, thematisiert Tillich phänomenologisch als eine Neu-Bestimmung des gerade für die neurotische Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen so hochgradig schuldiggewordenen moralistisch-christlichen Sündenbegriffs.(58) Nicht abstrakte Mythologeme zählen hier, sondern die Einholung des Offensichtlichen, der leibhaftigen sinnlichen Erfahrbarkeit eines Satzes aus der Sprache des Glaubens.

    Ihre psychoanalytische Ausbildung beginnt Lore bei Clara Happel, bei der später auch Fritz in Analyse ist.(59) Anschließend geht sie zu Karl Landauer, Leiter der psychoanalytischen Abteilung im »Institut für Sozialforschung« und Freund Sandor Ferenczis und Frieda Fromm-Reichmanns, die sich oft bei ihrem Freund Georg Groddek in dessen Baden-Badener Sanatorium trafen.(60) Sie hat dadurch Ferenczis aktive Technik und auch seine Regressionsarbeit erfahren in einem von Wärme geprägten Milieu zweiter Kinderstube.(61)

    Im Jahre 1927, so erinnert sich Perls 42 Jahre später, »lernte ich Lore kennen. Offensichtlich erschien ich ihr und einigen anderen Mädchen an der Universität als heiratsträchtiger Junggeselle. Es war an der Zeit, den Fängen des drohenden Ehe-Kraken zu entkommen. Ich hatte keine Ahnung, daß Lore mich immer wieder einholen würde, egal, wohin ich ging.«(62) Als Clara Happel nach einjähriger Analyse Perls bedeutet hatte, dieselbe sei nun zu Ende, schickt sie ihn nach Wien zur Supervision. Perls geht also in die Hochburg der Psychoanalyse, selbst noch ganz Ohr für die Freudschen Töne. Gestalttheorie wurde in Wien nicht vertreten. Perls verliebt sich in eine bezaubernde junge Assistenzärztin, leider erfolglos: sie war katholisch.(63) Er nimmt eine Assistenzarztstelle an der universitären Nervenklinik Wiens an, die von Julius Wagner-Jauregg und Paul Schilder geleitet wird. Zu dieser Zeit muß auch Wilhelm Reich dort gearbeitet haben.(64) Perls besucht Vorlesungen von Paul Federn, der ihm nur imponiert, weil er einmal sagt: »Stellt euch einen ehrwürdigen Patriarchen vor, der sagt: 'Man kann gar nicht genug vögeln!'«(65) Supervision bekommt Perls bei Helene Deutsch, die er als »sehr schön und kalt« empfindet(66), und Eduard Hitschmann in der Psychoanalytischen Polyklinik, den er als sehr warmen, unkomplizierten Menschen beschreibt.(67)

    Nach einem Jahr Wien geht Perls schließlich zurück nach Berlin. Er nimmt bei »einem Ungarn namens Harnik«(68) anderthalb Jahre streng asketische Couch-Therapie mit fünf Wochenstunden auf sich. Jenö Harnik ist ihm Schlüsselerlebnis geworden, wie Psychotherapie unter keinen Umständen ablaufen sollte: »Er gab mir die Hand weder wenn ich kam, noch wenn ich ging. Fünf Minuten vor Ablauf der Stunde kratzte er mit dem Fuß über den Fußboden, um anzudeuten, daß die mir zugewiesene Zeit bald um sein würde. Er sprach maximal einen Satz pro Woche.«(69) Perls will nach einem Jahr schon von ihm weg, traut sich aber nicht, ihn zu frustrieren. So erzählt er ihm noch ein weiteres Halbjahr amouröse Geschichten. Dabei muß er sich redlich anstrengen, um genug aktuelles Material zu liefern.(70) »Während dieser Zeit drängte Lore auf Heirat. Ich wußte, ich war nicht der Typ dafür. Ich war nicht leidenschaftlich in sie verliebt, aber wir hatten viele gemeinsame Interessen und verstanden uns oft sehr gut. Als ich mit Harnik darüber sprach, kam er mit dem üblichen psychoanalytischen Dreh: 'Während Ihrer Analyse dürfen Sie keine wichtige Entscheidung treffen. Wenn Sie heiraten, breche ich Ihre Analyse ab.'«(71) In seiner Verzweiflung geht Perls zu Karen Horney und bittet um Rat. Sie empfiehlt ihm Wilhelm Reich, der seit Herbst 1930(72) zusammen mit Otto Fenichel von Wien nach Berlin gezogen war, durch sein politisches Engagement als Wiener Kommunist zunehmend unter Druck geraten.(73) Perls geht darauf von Harnik zu Reich und beginnt mit ihm im Sommer 1932 eine Analyse. »Reich war vital, lebendig, rebellisch. Er war bereit, jede Situation zu diskutieren, vor allem politische und sexuelle, und trotzdem analysierte er und spielte die üblichen Entstehungs-Suchspiele.«(74) Für Perls werden dabei von den Entdeckungen Reichs bedeutsam der »Muskelpanzer«, mit dessen verkrampfender Zusammenballung sich ein Mensch gegen äußere Bedrohung oder auch innere zu schützen versucht, und die Relevanz der körperlichen Reaktionen überhaupt als Ausdruck der Seele.(75) Perls macht daneben bei Otto Fenichel Supervision. »Bei Fenichel fand ich Konfusion; bei Reich Unverschämtheit; bei Horney menschliches Engagement ohne Terminologie.«(76)

    Etwa in diese Zeit fällt auch die Heirat mit Lore. »Wir heirateten, hatten ein Zuhause, und Laura hatte die wertvollsten Möbel, aus aller Art wunderbarem Holz, afrikanischen Hölzern usw. Wissen Sie, ihre Familie betrachtete mich als ihr schwarzes Schaf.«(77) Die beiden bekommen ein kleines Auto als weitere Mitgift zur Hochzeit, Geld will man Perls nicht anvertrauen. Man hört gut die Beschämung heraus aus der laxen Erzählung: Nicht ernst genommen zu werden von Familie Posner. Das große Geld mißtraut dem kleinen Geld. Lore bekommt ein Baby: Renate. In dieser Zeit, sicherlich verstärkt durch den Kontakt mit Reich, der auch vor Hitler 1933 fliehen mußte nach Norwegen(78), ist Perls noch sehr stark in der Berliner Linken engagiert. »Es war eine wunderbare Atmosphäre. Auch wir glaubten wirklich daran, daß wir die Welt erneuern könnten. Nicht wahr, das Bauhaus, der 'Blaue Reiter', die 'Brücke' und der Dadaismus. Alles hatte dort seinen Ursprung und ich verkehrte in diesen Kreisen. Darüber hinaus war ich politisch etwas engagiert bei dem Versuch, einen Zusammenschluß von Sozialdemokraten und Kommunisten zustande zu bringen. Wir hätten dazu beitragen können, Hitler aufzuhalten...«(79)

    Dazu kam es nicht, womit eine historische Chance irreversibel verschenkt worden ist, die Millionen den Tod erspart hätte. Ob dieses Scheitern der Arbeiterbewegung Reich und Perls in ihren politischen Hoffnungen zerstört hat? Beide sind durch die Erfahrung von Kriminalisierung, Flucht und Emigration künftig apolitisch, zurückgezogen in ihre Sexuallehren. So vollstreckt sich die Hitlersche Zerschlagung der sozialistischen Opposition noch in der politischen Abstinenz der therapeutischen Regressionsarbeit. Nach dem Reichstagsbrand mußte auch Perls fliehen. Er geht im April 1933 nach Amsterdam, um der Judenverfolgung zu entgehen, der Mutter und Schwester später zum Opfer fallen. Lore bleibt mit der Tochter Renate noch einige Monate in Pforzheim bei ihren Eltern und kommt dann nach. Amsterdam wird für beide übereinstimmend die schlimmste Zeit ihres Lebens, verfolgt als Juden und auf der schwarzen Liste der Nazis stehend als Kommunisten.(80) Zuerst in einem Asylhaus der jüdischen Gemeinde. Perls hat in diesen einsamen Monaten ein Verhältnis zu einer jungen hysterischen Frau. Dann lebt Familie Perls in einer eisigen Dachwohnung ohne Arbeitserlaubnis karg und hoffnungslos. Perls nimmt Supervisionsstunden bei dem ebenfalls geflohenen Karl Landauer, den er als warm, offen und das Freudsche System transparent und nicht als Arkandisziplin handhabend erlebt.(81)

    Die wertvollen Möbel kommen per LKW nach, vom Regen zerstört, und bringen nur wenig Geld beim Verkauf. Die Perls leben von der Wohlfahrt. Lore, die feinsinnige, muß putzen gehen, hat eine Abtreibung, gefolgt von Depressionen. Die junge Frau, mit der Perls sich getröstet hatte, macht obendrein noch Schwierigkeiten. In dieser elenden Situation verschafft der Freud-Biograph Ernest Jones, der sich von London aus um geflüchtete jüdische Psychoanalytiker kümmert, Perls eine Stelle als Lehranalytiker in Johannesburg in Südafrika. 1934 emigrieren sie dorthin. Auf der Schiffsreise lernt Perls Englisch. Der Empfang in Südafrika ist herzlich. Ein Darlehen erlaubt die Begleichung von Reisekosten und Einwanderungskaution sowie die Einrichtung einer ersten Praxis. Perls gründet das »South African Institute for Psychoanalysis«. Auch Lore kann therapeutisch aktiv werden. Nach einem Jahr reicht das Geld, um »in einer pikfeinen Gegend das erste Haus im Bauhaus-Stil zu bauen. Dieser Unterschied im Wohlstand war schon eine erstaunliche Sache.«(82) Das zweite Kind, Stephan, wird geboren. Die Perls haben Tennisplatz, swimmingpool, Kindermädchen, Haushälterin, Hausmeister und zwei Eingeborene als Hausangestellte.(83) Perls macht einen Flugschein, liebt den einsamen Flug ohne Motor, spielt Tennis, geht eislaufen, fährt schwimmen an den indischen Ozean, filmt Tiere im Safari-Ausflug, führt Regie in Laienspielgruppen, interessiert sich für eingeborene afrikanische Medizin, hat eine imposante Briefmarkensammlung, lernt Viola spielen, hat wieder einige Liebesabenteuer. Seine analytische Arbeit ist streng freudianisch. Lore nennt ihn Prophet und Herumtreiber. »Ich war gefangen in den Requisiten eines respektablen Spießbürgers: Familie, Haus, Diener und immer mehr und mehr Geld als ich brauchte. Ich war in der Dichotomie von Arbeit und Spiel gefangen«.(84)

    1936 fährt er zum Psychoanalytiker-Kongress in die Tschechoslowakei. Er hält in Marienbad einen Vortrag über orale Widerstände und wird heftig abgelehnt, weil er über Freud hinausgeht. Auch in der Psychoanalyse entwickelt sich der soziale Vorgang von Orthodoxie und häretischer Innovation als persönliche Kränkung und diskriminativer Diskurs. Für Perls ist damals eine Wunde gerissen, die er zeitlebens nicht verwunden hat. Ein Besuch bei Freud in Wien im Anschluß an den Kongreß endet schroff und abweisend schon nach vier Minuten an Freuds Haustür.(85)

    Dadurch wird Perls der Theorie des Meisters immer ablehnender gegenüber, seine Kritik der Libidotheorie und der Unterbewertung oraler Vorgänge bei Freuds Lieblingsbeschäftigung mit den Körperöffnungen unterhalb der Gürtellinie durchziehen sein gesamtes Oevre.

    1941 verfaßt er mit Lore zusammen sein erstes Werk: »Ego, hunger and aggression«, 1942 in Durban erschienen, und noch mal 1949 in London in veränderter Neuauflage. Der Titel markiert schon die Punkte, an denen er Kritik der klassischen analytischen Theorie Freuds ansetzt: das zu enge triadische Strukturmodell von Über-Ich, Ich und Es, die auf Sexualität fokussierte, die im Hunger aufscheinenden Selbsterhaltungstriebe vernachlässigende Libidotheorie und schließlich die lebenserhaltende Qualität der menschlichen Aggression, die keineswegs zur Selbstvernichtung strebt, sondern zur Nahrungsbeschaffung und -zerkleinerung. Das Buch entsteht unter dem Eindruck des 2. Weltkriegs und dem Zweifel an der Wirksamkeit von Aggressionsverdrängung. Es bezieht sich insbesondere auf Goldsteins Theorie der organismischen Selbstregulation, die die Gestaltpsychologie der Berliner Schule aufgreift. Die Theorie der wachsenden Ausdifferenzierung in gleichgewichtige Gegenpolaritäten aus einem Nullpunkt schöpferischer Indifferenz heraus übernimmt er von seinem Berliner Freund Salomon Friedlaender. Damals benutzt Perls für die Beschreibung der therapeutischen Konsequenzen seines - von Smuts übernommenen - holistischen Ansatzes der Metapsychologie den Begriff »Konzentrationstherapie«, um auszudrücken, daß entgegen der Freudschen Assoziationsmethode von - Perls nennt sie Gedankenflucht - Exkursionen durch frühkindliche Gefilde die Insistenz auf einem ganz bestimmten, die Gegenwart störend verstellenden Punkt des Patienten-Erlebens und -verhaltens im Kern des therapeutischen Prozesses steht, der intensiv durchgekaut wird, um abgespaltene Erlebnisanteile wieder zu assimilieren und zu reintegrieren.

    1.1.3 Das Ich, der Hunger und die Aggression (1942)

    1.1.3.1 Überblick

    Schon im Titel seines ersten Buches benennt Perls die kontroversen Themen, an denen er sich von den Lehren der klassische Psychoanalyse abgrenzt. Nach seiner schroffen Abfuhr bei Freud 1936 in Wien geht Perls sehr impulsiv und kritisch mit der Überbetonung des Genitalen gegenüber dem Verdauungssystem mit seinen beiden Körperöffnungen um. Er kritisiert im ersten Teil seines Buches die Libidotheorie Freuds vom organismischen Ansatz der Gestaltpsychologie der Berliner Schule und Kurt Goldsteins aus, kombiniert mit der Gleichgewichtstheorie Salomon Friedlaenders und dem ökologischen Holismus Jan Smuts. Die Funktion des Organismus, die wir »Ich« nennen, die wesentliche Bedeutung des Hungers und die lebenserhaltende Qualität der Aggression als Nahrungszerkleinerung zwecks Assimilation der externen Leckerbissen sind für ihn die Hauptgebiete, an denen sich die klassische Psychoanalyse Freuds unzulänglich entwickelt hat und der Kritik bedarf.

    In einem zweiten Teil nimmt Perls die biologische Interpretation des menschlichen Organismus im Austausch mit seiner Lebenswelt genauer in den Blick und entwickelt, immer reich bestückt mit Fallbeispielen, die Kriterien für einen bedürfnisbefriedigenden Austausch von Mensch und Umwelt. Zugleich formen sich dadurch die Kriterien für einen gestörten Stoffwechselprozeß neurotischer oder paranoischer Natur. Die fundamentale Bedeutung des Essens und der Triebstrukturen, die für die Aufnahme und Ausscheidung des Essens sorgen, werden im Kontakt mit der nährenden Umwelt als Funktionen eines gesunden Ichs entwickelt. Neurose und Paranoia begreift Perls als mißlungenen Stoffwechsel, in dem die Grenzen des Organismus, also das Ich, nach Außen oder Innen verschoben werden und einen nährenden und wachstumsfördernden Austausch mit der Umwelt verhindern.

    Im dritten Teil schließlich beschreibt Perls seine »Konzentrationstherapie«, in der ein Mensch lernt, sich, seinen Körper und dessen Äußerungen als gesturale Expression der Emotionen wahrzunehmen. Mit diesem Selbstgewahrsein wird die Ichfunktion trainiert, zwischen Außen und Innen zu unterscheiden. Das ist die Vorbedingung für eine wachstumsfördernde Assimilation der Umwelt. In praktischen Übungen zur Körperwahrnehmung macht Perls darin Vorschläge, neurotische Symptomatik anzugehen. Dabei steht nicht das Verstehen und Erklären der Psychoanalyse im Vordergrund, sondern das Wiedererlangen von Sinnlichkeit, von Bewußtwahrnehmung leiblicher (d.h. körperseelischer) Vorgänge als Vorbedingung für eine vorsichtige und schrittweise Rekonditionierung zu befriedigenden Funktionen des Organismus, wie Fredrik M. Alexander(86) sie als Technik entwickelt hat. Widerstände werden nicht als Störfaktoren angesehen, sondern als Schutzmaßnahmen ernst genommen und der Persönlichkeitsentfaltung zunutze gemacht. Viele der Übungen erinnern an fernöstliche Meditation, sind einfach und einsichtig. Der Patient wird Akteur der Therapie, anstatt Analysand des Therapeuten zu sein, welcher nur das zu deutende Material produziert.

    Das Buch ist unter dem Eindruck des deutschen Faschismus geschrieben und reich an Bemerkungen über die psychische Dimension dieser Menschen vernichtenden Gewaltherrschaft. Perls als entsetzter Soldat war damit zugleich auf der Suche nach einer nicht mordenden, lebensbewahrenden Form von Aggression. Als eine der Kriegsursachen sieht Perls die seelischen Zerstörungen durch Religion und Moral in den Menschen und entwickelt ähnlich wie Reich als Alternative zur neurotisierenden Steuerfunktion gesellschaftlicher Triebzensur das Konzept organismischer Selbstregulation, was seine Erfolgschancen am Verlauf der Naturgeschichte bemessen kann, in der evolutionäre Selbstregulationsprozesse zu einem stabilen Gleichgewicht geführt haben, das erst durch die gesellschaftliche Naturbeherrschung zerstört wurde. Nicht zuletzt die Existenz der Gattung Mensch steht angesichts der kosmischen Zerstörungsgewalt der hypermilitarisierten Supermächte auf dem Spiel.

    1.1.3.2 Geistiger Nährboden

    Perls gesteht im Vorwort sein offensichtliches Desinteresse an der Wissenschaftlichkeit seiner Ausführungen ein.(87) Durchgehend macht sich Perls nicht die Mühe einer Darstellung der Theorien, die er aufgreift, sondern gibt nur soviel wieder, wie nötig ist, um seine eigene Position abgrenzend oder zustimmend zur Sprache zu bringen. Dieses Verfahren entspricht nicht gerade dem universitären Ideal, dafür aber um so mehr seiner Vorstellung von Verdauung geistiger Nahrung.

    Der gesunde Organismus nimmt sich von der ihm durch die Umwelt gebotenen Nahrung das, was ihn nährt, fördert, wachsen läßt, während er das Ungenießbare, Giftige oder Ekelerregende wegläßt oder schnellstens wieder ausscheidet. Darin liegt Sinn für gute Kost, nicht nur eklektizistische Borniertheit.(88) Perls leistet keinen Treueschwur zu irgendeiner psychologischen Schule, wie er sich in der Konsolidierungsphase der zunächst von der Schulmedizin der Jahrhundertwende als Irrlehre(89) abgetanen Psychoanalyse entwickelt hat.(90) Es geht ihm um produktive Aneignung der theoretischen Paradigmen ohne Zugeständnisse an die Orthodoxie.(91) Mit diesem Ausscheren aus dem dogmatischen Setting hat Perls sich, ähnlich wie Wilhelm Reich, fast einen Ausschluß aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung zugezogen, paradoxerweise Reich wegen seiner Radikalisierung der Sexualtheorie(92), Perls wegen seiner fundamentalen Relativierung derselben.(93) Schon der theoretische Umgang mit Sexualität innerhalb der psychologischen Szene läßt also die Wogen hochschlagen.

    Perls übernimmt zunächst einmal fast die gesamte Theorie Freuds, ohne sie ausdrücklich zu bezeichnen. In Stichworten: Bildung von Neurosen durch Verdrängung libidinöser Trieberfüllung(94), entwicklungspsychologische Kategorien wie Lust versus Realitätsprinzip(95), frühkindliche Entwicklung oraler, analer und genitaler Empfindungen(96), Widerstandsformen(97) wie Fixierung(98), Regression(99), Introjektion(100), Projektion(101), Verschiebung(102), Rationalisierung(103) und Konversion in Symptombildungen (104). Perls geht wie Freud aus von der Funktion des Unbewußten(105), was in Träumen(106) und Fehlleistungen(107) seine verschlungenen Wege in die Realität bahnt. Er befindet sich auch in der destruktiven Einschätzung der gesellschaftlichen Sanktionen in der Nähe vom Kulturpessimismus der Über-Ich-Theorie Freuds.(108)

    Kritisch argumentiert Perls gegen Freuds Libidotheorie: Es gibt keine Prävalenz des Sexualtriebes vor allen anderen Trieben.(109) Hunger, sollte er nicht befriedigt werden, läßt den Menschen ableben(110), während der asketische Mönch immerhin sein karges Leben fristen kann. Nicht jede kulturelle oder künstlerische Leistung speist sich aus unerfüllter sublimierter sexueller Energie. Goethe war trotz sexueller Erfüllung noch fähig, die deutsche Geistesgeschichte nachhaltig zu befruchten.(111) Ich, Es und Über-Ich sind für Perls keine Instanzen oder gar Substanzen(112), keine Räume innerhalb der Persönlichkeit, sondern Funktionen des Organismus.

    Die Idee der per Assoziation(113) therapeutisch erinnerten, wiederholten und durchgearbeiteten traumatischen Ursprungssituation hält Perls für eine Reduktion der tatsächlichen permanent in verschiedenen Graden traumatisierenden gesellschaftlichen und sonstigen Einflüsse, die dahinterstehende Implikation eines monokausalen Determinismus psychischer Strukturbildung für zu kurz gegriffen.(114) Der Mensch ist kein per Trauma auf Wiederholungszwang(115) durch einmalige Stimuli programmierter Computer, sondern ein Wesen, dessen Konstitution durch unzählige Faktoren bestimmt ist(116), zu denen in einem nicht zu unterschätzenden Maße die Einflüsse der Gegenwart gehören.(117)

    Die Zeitlichkeit menschlicher Existenz(118) erlaubt nicht nur den regressiven Rückblick(119), unter dessen Perspektive Gegenwart und Zukunft so gut wie vorprogrammiert sein müßten und den Menschen de-finieren durch die Kausalität des Schicksals, sondern eröffnet in jedem gegenwärtigen Augenblick die Freiheit, ein neues Spiel zu probieren(120), welches unversehens dem Bann des Wiederholens entkommen kann. (121) Vergangenes ist als Konstitutionsbedingung für die Gegenwart nur insofern interessant, als sie die reale, gegenwärtige Kommunikation, Bedürfnisäußerung und -befriedigung ermöglicht oder verstellt.(122) Umgekehrt, in Abgrenzung zu Adler(123), ist für Perls Zukunft jetzt nur in soweit wichtig, wie sie meine Sorge oder Hoffnung konstituiert, die ich gegenwärtig verspüre. Vergangenheit und Zukunft sind daher in der Therapie nur soweit relevant, wie sie die Gegenwart affizieren.(124)

    Das Paradigma Kausalität, Motor der psychoanalytischen Tiefenhermeneutik, weicht der multifaktoriellen Feldverwobenheit mit sublimen Interdependenzen. »Die kausale Erklärung gilt außerdem nur für isolierte Ereignisketten. In der Realität finden wir Überdetermination (Freud) oder Koinzidenz«.(125) Was bei Freud noch sehr stark im Banne der positivistischen Trennung von Forschersubjekt und naturwissenschaftlichem Objektbereich formuliert ist, versucht Perls mit einem neuen Wissenschaftsparadigma anzugehen.

    Die Auswirkungen der Einsteinschen Feldtheorie, daß alles Geschehen nur innerhalb seines Wirkkreises vollständig zu beschreiben ist, zu dem, und sei es auch auf noch so subtile Weise, auch der Betrachter gehört, revolutionieren den gesamten damaligen Wissenschaftsbetrieb mit seinem mechanizistischen Bild einfacher monokausaler Zusammenhänge. Will man etwas wirklich umfassend und angemessen beschreiben, so erweist sich kausale Deduktion zumeist als eine ungeheure Vernachlässigung aller anderen, innerhalb dieses Feldes mitwirkenden Faktoren. Sobald man probeweise hypostasiert, daß in der Regel jedes Ereignis durch eine Verkettung von mannigfaltigen Umständen bedingt ist und nicht durch nur einen einzigen, gelangt die Psychologie zu ganz neuartigen Erkenntnissen. Allein schon das die gesamte Konstellation präziser und mikrologischer abtastende Beobachtungsverhalten der erkennenden Subjekte führt zur wachsenden Einsicht in die Interdependenz zwischen Beobachtungsgegenstand und Umwelt.

    »Mehr als in jeder anderen Wissenschaft stehen in der Psychologie Beobachter und beobachtete Gegebenheit in einem untrennbaren Zusammenhang.«(126) In Adaptionen eines Begriffs von Jan Christiaan Smuts bezeichnet Perls die Gesamtschau des 'Beobachtungsgegenstandes' Mensch im soziokulturellen Lebenszusammenhang als »Holismus«. Gemeint ist damit die Auffassung, »daß die Welt 'an sich' nicht aus Atomen besteht, sondern aus Strukturen, die eine andere Bedeutung haben als die Summe ihrer Bestandteile.«(127)

    Das kybernetisch als Übersummationsregel zentrale Prinzip der Konstellation, des Kontextes, der Synergie, bestimmt auch den Gestaltbegriff der Berliner Schule, die Perls eher beiläufig anführt: »Es gibt Ganzheiten, deren Verhalten nicht durch das ihrer einzelnen Elemente bestimmt wird, sondern bei denen die Teilprozesse selbst durch die dem Ganzen innewohnende Natur bestimmt werden. Die Gestalttheorie hofft das Wesen solcher Ganzheiten zu bestimmen.«(128)

    Damit ergibt sich eine erste Definition von Gestalt: Gestalt ist ein phänomenaler Zusammenhang von Elementen, deren genaue Bedeutung oder Funktion sich allererst innerhalb dieses Zusammenhanges konstituiert.(129) Oder auch: »Das Wahre ist das Ganze.«(130) Prinzipiell gilt die Wahrnehmung von Konstellationen statt Isolierung von Einzelphänomenen in jedem Lebens- und Wissensbereich.(131) Perls führt aus der Physik Plancks Quantentheorie und Heisenberg/ Nordingers Unschärferelation an.(132)

    Auf der interaktiven Ebene zwischen Mensch und Umwelt bedeutet die Wahrnehmung von Gestalten die Beobachtung der Interpunktion von Ereignisfolgen, die zueinander in einem konstitutiven Zusammenhang stehen: Ein Wunsch keimt auf, ich überlege, wie ich ihn erfüllen kann, führe die Überlegung aus, erlange das, was mir mangelt oder bin losgeworden, was mich drückte, der Wunsch erlischt. Vom Aufkeimen bis zum Schwinden des Wunsches spannt sich ein Interaktionsbogen zwischen Subjekt und Feld.(133) Eine solche gelungene Bedürfnisbefriedigung nennt Perls später eine »geschlossene Gestalt« oder eine »Vollständige Situation«.(134) Gestalt kann also einerseits als Szene verstanden die Gesamtheit der satisfaktionierenden Ereignisfolge meinen, andererseits aber auch als aus dem diffusen Hintergrund der Wahrnehmungsfülle hervorgehobene Figur der awareness das Wunschbild des Befriedigungsgeschehens oder einzelner seiner - im Traum oft verfremdeten - Momente, welches dem Bedürftigen innerlich entsteht als Ausdruck des offensichtlichen Ungleichgewichts in seinem momentanen Befinden. Damit ist Freuds biologistischer Triebbegriff aufgelöst in ein Interaktionsgeschehen; die Vorstellungsrepräsentanz nur eine Gestalt in einem komplexen Bezugsnetz, in dem die Reize der Umgebung, Freuds Realität, eine ebenso wichtige Rolle spielen wie die Leib-Bedürfnisse selbst.

    Als Konsequenz des Interdependenzphänomens für die Persönlichkeitstheorie ergibt sich für Perls, Körper, Seele und Geist nicht als topisch isolierbare Instanzen oder Sphären aufzufassen, sondern als fundamentale Einheit. Diese Auffassung geht weit über die Axiomatik psychosomatischer Wechselwirkungen hinaus, die von einer prinzipiellen Unterscheidbarkeit beider Sphären ausgeht.(135) Es besteht eine phänomenale Homousie zwischen Körper, Seele und Geist. Es gibt verschiedene Aspekte der einen Substanz Leib-Organismus, deren Funktionieren in einem permanenten Substanzaustauschprozeß steht: organismischer Stoffwechsel. »Die isolierte Behandlung der verschiedenen Aspekte der menschlichen Person unterstützt nur ein magisches Denken, und fördert die Ansicht, Körper und Seele seien getrennte Einheiten, die auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpft sind. Der Mensch ist ein lebendiger Organismus, und bestimmte Aspekte von ihm werden Körper, Geist und Seele genannt.«(136)

    Damit ist das eigentliche Thema anvisiert: Perls begreift den Menschen als Organismus, der lebt und wächst durch den beständigen Austausch oder Stoffwechsel mit seiner ökologischen und soziokulturellen Umwelt.(137) Leben vollzieht sich im Aufkeimen, Befriedigung und Verschwinden von je verschiedenen Bedürfnissen. Im Augenblick der Befriedigung findet ein Stoffwechselprozeß statt. Kaum ist das eine Bedürfnis, die eine Gestalt aus dem Blickpunkt der Aufmerksamkeit des Organismus geschwunden durch ihre Erfülltheit, schon keimen neue Bedürfnisse oder Gestalten auf, schon gerät etwas anderes in den Fokus der Wahrnehmung, hebt sich als Figur vom diffusen Hintergrund der Wahrnehmung ab. »Das Bild im Geist verschwindet..., sobald das Bedürfnis des Organismus befriedigt wird.«(138)

    Als weitere Zutat im Speiseplan der Perlsschen Theorie organismischer Selbstregulation greift an dieser Stelle die der taoistischen Philosophie des Yin und Yang entlehnte Theorie der evolutionär-kreativen Selbstentfaltung des Kosmos in fortschreitender Differenzierung polarer Gegensätze.(139)

    Perls hat diese von seinem Freund Salomon Friedlaender aus dessen Buch »Schöpferische Indifferenz«(140) aufgenommen. Schon mikrokosmologisch stellt die Atomstruktur eine Differenzierung dar, die fortschreitet zu immer komplexeren makromolekularen Strukturen, deren kontingenter Sonderfall Leben(141) in zunehmend komplexen Zellteilungsprozessen und Phylogenesen zum Sonderfall homo sapiens führt. Eine fortschreitende gesellschaftliche Arbeitsteilung zwecks umfassender Naturbeherrschung setzt die Evolution als bipolare Ausdifferenzierung fort.(142)

    Evolution vollzieht sich in fortschreitender Ausdifferenzierung zu polaren Gegensätzen von einem prädifferenten - in religiösen Schöpfungsmythen als Urchaos beschriebenem - Nullpunkt(143) aus. Was naturgeschichtlich ein zeitlicher Nullpunkt der Evolution ist, wird im Durchgang der Phylogenesen zu einer anderen Qualität von Nullpunkt: zu einer Balance des ökologischen Gleichgewichts, in dem die entwickelten Gegensätze von Lebendigem sich durch gegenseitiges Fressen zahlenmäßig in gewisser Ausgewogenheit erhalten.(144) Diesem Zweck dienen die Zähne, der Mund und Verdauungstrakt bis zum After und ein Teil des Gehirns, welches für die Bereitstellung der Nahrung gewisse Vorkehrungen trifft (Jagd, Ackerbau, Fließbandarbeit, Hochschularbeit). Perls beschreibt die Aufgabe dieser Regionen genauer als Kontaktfunktion zwischen Organismus und Umwelt und bestimmt sie als Ichgrenze.(145)

    Innerhalb des Organismus findet wiederum eine Ausdifferenzierung in Gegensätze statt, deren erlebbarer Nullpunkt Glück ist: das Gefühl völliger Befriedigung, eines präzisen homöostatischen Balanceverhältnisses. Perls nennt dies »Organismisches Gleichgewicht«.(146) Sobald es gestört ist, meldet sich ein Trieb(147), um den Organismus zu Handlungen zu bewegen, die geeignet erscheinen, das Gleichgewicht wiederherzustellen, wo es nicht per Reflex(148) geschieht, wie etwa im Atmen. Im beständigen Stoffwechsel mit der äußeren Natur, dem ökologischen, soziokulturellen Umfeld, wächst der Organismus heran.(149)

    Selbstregulation bedeutet für den Organismus immer Austausch mit der Umwelt, dem Feld, auf dem die Trieborganisation des Organismus die Wahrnehmungsfigur und Verhaltensfigur entstehen läßt, die Ausdruck des Mangels oder Überschusses ist und zum Substanzausgleich handlungsleitend.(150) Soweit entwickelt Perls die Idee Friedlaenders weiter. Im weitesten Sinne kann damit organismische Selbstregulation als ein schöpferischer Akt des Kosmos in seinen Mikroelementen angesehen werden.(151)

    Schließlich nimmt Perls die evolutionär-vitalistische Kosmologie von Smuts auf, die unter Holismus die Sicht eines Dinges oder Lebewesens in seinem umfassenden Lebenszusammenhang versteht. Auch Smuts geht von der Erfahrung aus, daß das Ganze mehr und anderes ist als nur Summe seiner Momente.(152) Eben diesen Satz kann man auch jedweder Reduktion des Menschen auf blanke Biologie entgegenhalten, sofern es dabei nicht zur Ausblendung der Biologie kommt. Anthropologie muß auch biologisch stimmen, sich mit Erkenntnissen über die Körperlichkeit des Menschen decken. Während Smuts aber kosmologisch die Untrennbarkeit von Materie, Leben und Geist zum Thema nimmt, richtet Perls sein Augenmerk auf die anthropologische Untrennbarkeit von Körper, Seele und Geist.(153) Von Smuts greift Perls schließlich den Gedanken der Assimilation auf. Um wachsen zu können, muß im Stoffwechsel die von außen aufgenommene Materie durch hinreichende Zerstörung ihrer eigenen Struktur so aufbereitet werden, daß der Organismus nicht selbst verletzt wird, sondern umgekehrt, diese fremden Stoffe umwandeln kann in eigene Substanz, dh wachsen kann. Andernfalls muß der fremde Stoff schnell wieder ausgeschieden werden, bevor er den Organismus zerstört. Für Menschen gilt diese Bedingung von Wachstum und Selbstentfaltung durch Assimilationen von äußerer Materie in Bezug auf biochemische, interpersonal-sensomotorische sowie geistige Nährmittel.(154) Psychotherapie bekommt von diesem Assimilationsmodell der zu homöostatischer Balance tendierenden Leiblichkeit des Menschen her die Aufgabe, die Verarbeitungsfähigkeit fremder Stoffe im Leib derartig zu verbessern, so daß der Organismus wachsen kann.(155)

    1.1.3.3 Intakte und gestörte Selbstregulation des Organismus

    1.1.3.3.1 Sinnliche Realität als Einsatzpunkt von Wahrnehmung überhaupt

    Der als Körper-Seele-Geist-Homousie im Stoffwechsel-Dialog mit seiner Umwelt existierende Organismus Mensch steht in bio-ökologischen Austausch-Kontakten (Atmung, Nahrung, Ausscheidung, Sexualität) sowie soziokulturell geprägten, von der materiellen Basis der Biologie abgeleiteten Kontakten (Mutter-Kind-Dyade, Familie, Schulen, Arbeitsverhältnisse, Kunst, Religion etc). Auch diese multidimensionale Welt der gesellschaftlich geprägten Arbeit und Interaktion stellt eine Realität dar, die allerdings in ihren traditionell präfigurierten Interaktionsstrukturen eine Fülle von mit dem Stand der Produktivkräfte nicht mehr korrelierbaren Elementen in sich trägt. Lediglich biologisch gibt es unmittelbare vitale Evidenz. Der Kuchen, das Bier, die schlechte Luft, der eisige Flur, das Messer im Finger sind Realitäten, die via Appetit, Müdigkeit, Frieren und Schmerz als unmittelbar relevante Kontakte zur gegenwärtig sinnlich erfahrbaren Umwelt zu Gestalten werden. »Aktionen und Reaktionen sind ineinander verwoben... Die innere Hunger-Spannung und der appetit-anregende Anblick von Nahrung erscheinen und verschwinden gleichzeitig.«(156)

    Bedürfnis und antwortende Welt, reizende Welt und antwortender Organismus stehen zueinander nicht in behavioristischer Kausalität, sondern in einer Gleichursprünglichkeit. »Das Prinzip, das unsere Beziehungen zur Außenwelt regelt, ist das gleiche wie das intra-organismische Prinzip des Strebens nach Gleichgewicht.«(157) Perls konstruiert damit implizit den Idealfall einer Entsprechung von Angebot und Nachfrage, Bedürfnissen und Realmöglichkeiten. Dieser Sonderfall Bedarfsdeckung ist allerdings äußerst unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist täglich weltweit vierzigtausendfacher Hungertod. Weil die Welt kein Schlaraffenland ist, muß der Mensch sie seinen Bedürfnissen anpassen oder seine Bedürfnisse der Welt. »Die Anpassung unserer Umwelt an unsere Bedürfnisse nennen wir ein alloplastisches (das andere formende) Verhalten, die Eigenanpassung ein autoplastisches Verhalten.«(158) Abhärtung oder der Farbwechsel eines Chamäleons sind autoplastisch, der Einbau einer Klimaanlage alloplastisch, so Perls' Beispiele, die mitten in Südafrika an der Unmöglichkeit der Schwarzen, alloplastisch ihre Verhältnisse zur eigenen Sättigung und Würde zu modifizieren, trotz schwarzem Kindermädchen ignorant vorbeischauen auf technische Raffinessen weißer Oberschichts-Alloplasie. So kann sinnliche Realität erscheinen, wenn die Klientel des Analytikers aus Personen besteht, die nie Hunger haben, obwohl dieser ein Buch über Hunger schreibt.

    1.1.3.3.2 Zeitlichkeit menschlicher Pathogenese & Priorität der Gegenwart

    Der Organismus existiert im Raum-Zeit-Kontinuum.(159) Zwischen Bedürfnis und Befriedigung vergeht Zeit. Triebaufschub ist ein zeitliches Phänomen. »Je länger die Wunscherfüllung aufgeschoben wird, desto größer wird die Ungeduld, wenn die Konzentration auf das Befriedigungsobjekt gerichtet bleibt.«(160) Subjektive Zeitwahrnehmung ist abhängig von dem Ausmaß organischen Ungleichgewichts. Im Glück, in völliger Homöostase, erlischt Zeitwahrnehmung zum ewigen Nun.(161) »Das Zeit-Zentrum unserer selbst als bewußter raumzeitlicher Ereignisse ist die Gegenwart. Es gibt keine andere Realität als die Gegenwart.«(162) Mit dem Muster der ausdifferenzierten Gegensatzes von Vergangenheit und Zukunft wird die Gegenwart zum Nullpunkt der Zeitlichkeit. Das Hier und Jetzt hat in der Therapie prinzipiellen Vorrang. »Hier ist die einzige existierende Realität das analytische Gespräch. Was wir dort auch immer erleben, wir erleben es in der Gegenwart.«(163)

    Gemünzt gegen eine Kultur, in der die Brüchigkeit viktorianischer Traditionspflege im Gleichklang mit einer Jenseitspredigt des St. Nimmerleintages(164) die sinnlich erfahrbare Gegenwart völlig skotomisierte, gilt mit großem Recht, »daß Vergangenheit und Zukunft sich fortwährend an der Gegenwart orientieren und zu ihr in Beziehung gesetzt werden müssen. Ohne Bezug zur Gegenwart werden sie bedeutungslos.«(165) Der nur planende Tagträumer oder Manager kann gegenwärtige Realität sowenig genießen wie der retrospektive Melancholiker des goldenen Zeitalters.(166) Perls dehnt diese Kritik des in retrospektiven oder prospektiven Phantasien gefangenen Menschen auf die Wissenschaft aus: »Eine besondere Vorliebe für historisches oder futuristisches Denken zerstört immer den Kontakt zur Realität.«(167) Stimmig als Erfahrung des Therapeuten führt sie aber leicht zu einer Verengung der Zeitlichkeit des Menschen auf einen ahistorischen Jetztpunkt, der indifferent wird gegen die multikausalen(168) Konstitutionsfaktoren von Leib, Wahrnehmung und Verhalten.(169) Daß das Leiden des Patienten Resultat einer lebenslangen Pathogenese ist, verkennt eine solche Fixierung auf das momentane, auf gewachsene Reaktionsmuster des Patienten im Jetzt der Therapie.

    1.1.3.3.3 Soziale Realität als Feld des Menschen

    Als kollektiver Prozeß einer Anpassung der Natur an die Bedürfnisse des Menschen ist die gesellschaftliche Arbeit entstanden, von Jagd und Feldarbeit bis hin zur Mikroelektronik. Perls sieht zunächst statt des sozioökonomischen Aspekts fast nur den kulturellen, darin mit Freud enger verbunden als mit Adler: »Die von uns geschaffene Kultur ist voll von Ansprüchen. Es gibt Konventionen, Gesetze, Verpflichtungen, Abstände, die man überwinden muß, wirtschaftliche Schwierigkeiten und eine Menge von Pflichten, die wir erfüllen müssen. Sie sind eine kollektive Realität... Und als ob das noch nicht genügte, hat der Mensch sich auch noch eine zusätzliche Welt geschaffen, die für die meisten Leute ebenfalls eie Realität ist. Diese imaginäre Realität besteht aus Projektionen, das wichtigste Beispiel dafür ist die Religion.«(170) Die gesellschaftliche Arbeitsorganisation als Stoffwechsel mit der Natur - bis hier folgt Perls Marx(171) - hat soziale Strukturen hervorgebracht, die allerdings menschliche Schöpfungen sind.(172)

    Organismische Selbstregulation des Herdentiers Mensch hat zum Vorrecht des physisch stärksten Tieres die Entstehung geistiger Stärke hinzugefügt. »Das Denken ist ein Handeln in homöopathischen Dosen; es ist ein zeit- und kraftsparendes Werkzeug... Im Denken nehmen wir Handeln vorweg. Die so gesparte Energie entwickelt sich weiter: Wir verschmelzen verschiedene Sinneserfahrungen zu 'Objekten', stempeln sie ab und handhaben diese 'Wort'-Symbole, als ob sie die Objekte selbst wären.«(173) Aus einem Konglomerat von Intelligenz und physischer Macht mag soziale Herrschaft als Klassenherrschaft entstanden sein.

    1.1.3.3.4 Kultur & Moral als Entkräftung organismischer Selbstregulation

    In sozialer Herrschaft und deren Sedimenten im Überbau von Moral, Justiz und in der Kultur hat sich die Härte des originären Stoffwechsels mit der Natur niedergeschlagen. Deshalb klingt Perls' Theorie der Aggression kaum humanistisch, sondern eher imperialistisch, wenn auch gemäß der Weisheit Darwins und des freien Unternehmertums: »Der Aggressor strebt nicht nach der Vernichtung seines Objekts. Er will sich einer Sache bemächtigen, aber er trifft auf Widerstand. Dann geht er dazu über, den Widerstand zu zerstören, wobei er von der Substanz, die ihm wertvoll ist, soviel wie möglich intakt läßt. Das gilt für Nationen ebenso wie für Einzelmenschen und Tiere.«(174) Als Schutz gegen Gefressenwerden durch andere Lebewesen hat der menschliche Organismus Panzerungen (Häuser, Ritterrüstung, Muskelpanzer) gebildet und die Archillesfersen, die natürlichen Öffnungen dieser Festungen (Türen, Visier, Mund, Nase, After) besonders zu bewachen gelernt.(175) Perls nennt diese zensorische Instanz »moralischen Wachhund«.(176) Sowohl ungenießbare, gefährliche äußere Einflüsse werden an den Kontaktstellen zwischen Innen und Außen des Organismus gestoppt und als auch innere Ausscheidungen jedweder Art zurückgehalten, falls dieser »Umweltkontakt« Gefahren für den Organismus mit sich bringt.(177)

    Der Kampf ums Überleben hat die Stammeskollektive nicht nur zur Aggression gegen Nahrungsmittel oder Raubtiere und Naturkatastrophen gezwungen, sondern als Vorbedingung gemeinsamer Aggressionsausübung gegen Natur zu autoplastischer Anpassung der Einzelnen ans Kollektiv, das in gleichsinniger Kraft effektivere Naturbeherrschung erzielt. Dies führt zur Rückwendungen der zwischenmenschlichen Aggression gegen die eigenen Momente der innerseelischen Natur der Stammesmitglieder, die hinderlich für den effizienten Stoffwechsel mit der Natur in Form von Arbeit waren oder im Fortschritt der Produktivkräfte wurden. Zu solcher autoplastischen Anpassung gehört die Triebzensur. So lautet in Kurzform Freuds Kulturtheorie vom gesellschaftlich notwendigen Triebverzicht des grundsätzlich asozialen, narzißtischen und brutalen Wolfes Mensch, der erst gebändigt werden muß. Perls verbindete Marxens Arbeitslehre mit Freuds Destruktionstriebtheorie.

    Was der primäre Narzißmus als gestörte Homöostase(178) mit Unlust erlebt, als frustrierend, schlecht, wird im sensomotorischen Austausch der primären Sozialisation allmählich auszuhalten trainiert. Weil unmittelbare Bedürfnisbefriedigung oft verstellt ist, muß der Organismus vorübergehende Unlust aushalten lernen, um die Wiederherstellung des homöostatischen Gleichgewichts zu einem späteren Zeitpunkt beim Erscheinen adäquaterer Befriedigungsmöglichkeiten nachzuholen.(179) Während sofortige Befriedigung erinnerungslos bleibt, erlebt der menschliche Organismus vorübergehenden Triebaufschub mit dem Aufbau von Spannung im Zusammenspiel mit der auf die Verzögerung folgenden Erfüllung als lustvoll, als Glücksqualität.(180) Vom Standpunkt des frühkindlichen Narzißmus aus ist Unlust böse, Lust gut. Dieser quasi primärmoralische Kriteriensatz für die evaluierende Klassifikation der Wahrnehmungs- und Verhaltensstrukturen entspringt einer unmittelbaren Selbstregulationstendenz des Organismus. Innere Lust/Unlust wird projiziert auf deren äußere Konstitutionsfaktoren.(181) In der »anfänglichen Hilfsbedürftigkeit des Menschen«, dem Angewiesensein auf Melanie Kleins »gute Mutter«, die Unlust mit Milch und Busen stillt, liegt, so Freud, die »Urquelle aller Moral«.(182) Ganz in Anlehnung ans Lustprinzip Freuds entdeckt Perls die Ambivalenz der Bewertung von Realität: fördert sie Triebabfuhr, löst sie Unlust, so wird sie als gut erlebt. Jedes moralische Urteil entspringt somit der Stellung zur primären narzißtischen Utilität. Gut und Böse sind nichts Objektives.

    Gegenüber einem idealtypischen Modell von Sozialität als umfassendem kollektiven Stoffwechselregulativ mit Aushandeln vertraglicher Regeln im Apriori der Kommunikationsgemeinschaft und einem prozessualem Fortschritt von Gerechtigkeit(183) rekurriert allerdings Perls - man spürt hier Freuds Begriff von Kultur als gesellschaftlich notwendiger Triebunterdrückung zwecks Fortbestehens der Gattung(184) - auf ein repressives Modell von Moral und Kultur. »In jeder Gesellschaft sind... einige Forderungen so unerbittlich, so tief verwurzelt, daß sie zu Verhaltensvorschriften, Dogmen und Tabus geworden sind; sie verleihen unserem Moralsystem seinen festgelegten und starren Charakter. Diese Starrheit wird durch das Vorhandensein jener eigenartigen moralischen Einrichtung in uns noch verstärkt, die man 'Gewissen' nennt. Dieses Gewissen hat eine unbewegliche Moral. Es fehlt ihm an einer flexiblen Einschätzung sich wandelnder Situationen.«(185) Die Moral mit ihrer externen Instanz Justiz und der internen Gewissen, Über-Ich, ist dabei konträr zu den organismischen Selbstregulationstendenzen, deren Asozialität Freud als virtuelle Kulturfeindlichkeit des Einzelnen beschreibt.(186)

    Perls nimmt in Übereinstimmung mit Reich das Konfliktmodell Moral versus Biologie auf: »Gegen die biologischen Gesetze der Selbstregulation hat die Menschheit eine moralistische Regulierung geschaffen - die Regeln der Ethik, das System des genormten Verhaltens.«(187) Diese Antinomie scheint schier unversöhnlich. Die Idee biologisch verträglicher Normen wird von Perls nicht reflektiert; nicht jedes Menschenrecht muß der vitalen Eigendynamik der Lebewesen widerstreiten.(188)

    Nur an einer Stelle seines Buches reflektiert Perls auf die herrschende Moral als Produkt der herrschenden Klasse: »Ursprünglich pflegten die Führenden... Gesetze zu erlassen, um sich das Regieren zu vereinfachen, und die 'herrschenden' Klassen folgten später diesem Beispiel; wurde das Prinzip der Selbstregulierung in unerträglichem Maß verletzt, dann kam es zu Revolutionen. Nachdem die Mächtigen dies erkannt hatten, nahmen sie stärker Rücksicht auf die Bedürfnisse der Untertanen, zumindest soweit, daß Revolutionen vermieden wurden. Man nennt ein solches System gewöhnlich Demokratie.«(189) Das klingt satirisch und mißt insgeheim Demokratie an ihrem eigenen ideologischen Anspruch, mehr als kaschierte Oligarchie zu sein.

    Während Freud über weite Strecken kulturpessimistisch von der lutherischen Idee notwendiger Bannung des Bösen durchs Schwert - er spricht vom virtuellen Kulturfeind Mensch(190) - nicht weit entfernt ist, nimmt Perls besonders Freuds auch herrschaftskritische Pointe(191) zustimmend auf, hier einig mit der Frankfurter Schule: Moral ist Vollstreckungsmedium von Klassenherrschaft, bis ins Innerste des Menschen vorgeschobenes Instrumentarium sozialer Gewaltausübung. Als solche leitet sie nicht nur zur Sozialverträglichkeit des asozialen Einzelwolfes durch Triebverzicht und Eingrenzung seiner feindlichen Strebungen an - so legitimierte sie Freud trotz Forderungen nach einer besseren Kultur(192) - sondern Moral macht krank, tut der Seele Gewalt an.

    Die gegenwärtige repressive Moral ist im höchsten Maße menschenfeindlich und schädigend: »Oft genug läßt sich jedoch die gesellschaftlich notwendige Selbstbeherrschung nur auf Kosten einer Entkräftigung und Schädigung der Funktionen großer Teile der menschlichen Persönlichkeit erreichen um den Preis der Schaffung kollektiver und individueller Neurosen. Die religiöse und kapitalistische Entwicklung der Gesellschaft trägt die Hauptverantwortung für die Entstehung kollektiver Neurosen, für welche die heute auf der Welt wütenden selbstmörderischen Kriege symptomatisch sind.«(193) Mit dieser Kapitalismuskritik macht Perls - anders als Freud mit seiner Skepsis gegen den Sozialismus(194) - eine aus Profitinteresse triebfeindliche Organisation der Arbeitswelt und ihrer Überbauphänomene für die neurotische Deformation der subjektiven Struktur verantwortlich. Die Wurzel dieser Polarität entspringt der frühen anarchistischen und marxistischen Tendenz der Berliner Bauhaus-Ära von Perls, besonders den Diskussionen mit Reich. Als These formuliert: Die kapitalistisch notwendige moralisch-religiöse Triebunterdrückung vermöge der Instanz des Gewissens führt zur Beschädigung der Persönlichkeit.

    Konsequenz einer solchen Analyse wäre die - von Perls nicht erhobene - Forderung nach einer Transformation der kapitalistischen Demokratie zu einer mit der Selbstregulationsfähigkeit der Menschen versöhnteren Form von Sozialität. Die Idee Gustav Landauers von einem sozialistischen Anarchismus legt sich hier besonders nahe.(195) Die Konzeption des Gestaltkibbuz ist ein späterer Versuch von Perls, das Modell einer auf Selbstregulation der Individuen basierenden und zu ihr hinleitenden Kommunität zu verwirklichen. Solche alternative Gegenerfahrung im multiplikatorischen Bereich könnte ausstrahlen: Die politische Funktion von Gestalttherapie wäre, der gesamten Gesellschaft eine neue, für die Bedürfnisse der Menschen sensible Moralität schmackhaft und plausibel zu machen.(196)

    1.1.3.3.5 Neurose als gestörte Selbstregulation

    »Die Neurose ist eine Desorganisation des richtigen Funktionierens der Persönlichkeit in ihrer Umwelt.«(197) Neurose ist auch immer Angst, Außenseiter zu sein, Angst, bei Kontaktaufnahme deswegen bestraft zu werden, ist dann Kontaktvermeidung, die die Außenseiterposition verstärkt.(198) Dieser Teufelskreis, verwandt mit paranoischem Verhalten, findet sich in jeder Neurose. »Die Gemeinschaft verhält sich aggressiv gegenüber demjenigen, der ihre Ideologie anzweifelt, und sie tut das Äußerste, um ihm zu schaden.«(199) Ein solcher wegen Unangepaßtheit auffälliger Mensch verliert immer mehr den Kontakt zu den Mitmenschen, wird aufgrund dessen immer bedürftiger danach und wird die Befriedigung sozialer Bedürfnisse immer mehr entbehren.(200) Allerdings steht es mit dem Rest der Gesellschaft, die bestimmte ihrer Glieder exkommuniziert, nicht eben besser. »Da wir jedoch in einer neurotischen Kultur leben, ist es nicht wahrscheinlich, daß die Persönlichkeit irgendeines Menschen keine Beeinträchtigung erlitten hat... Die meisten Menschen haben nur die Wahl zwischen individueller und kollektiver Neurose (z.B. Religion), individueller und kollektiver Kriminalität (Verbrechertum, Hitler-Faschismus) oder einer Mischung aus beidem (z.B. die meisten Fälle von Jugendkriminalität)... Es ist nahezu unmöglich, den Gefahren einer sozialen oder biologischen Schädigung zu entgehen.«(201) In dieser Radikalität Freudscher Kulturkritik, die dieser nicht zu einer Gesellschaftskritik aufweiten konnte, ist die Unversöhnlichkeit von Sexus und Konvention bei Perls nicht eben häufig zu finden.

    1.1.3.3.6 Realitätsvermeidung und ihre Strategien der Abwehr

    Der gesunde Organismus, so das für reale Lebenszusammenhänge betriebsblinde Labormodell der Berliner Gestaltschule, ist einigermaßen in der Lage, reale Gefahren hinreichend zu erkennen und sie zu zerstören oder zu vermeiden. Dazu dienen die von Anna Freud(202) ausführlich beschriebenen Abwehrmechanismen. Gleichwohl bedeutet jede Vermeidung auch einen Kontaktverlust des Organismus, der destabilisiert. »Jeder Kontakt, sei er feindlich oder freundlich, vermehrt unsere Handlungsbereiche, trägt zur Integration unserer Persönlichkeit bei und steigert durch Assimilierung unsere Fähigkeiten, solange er nicht mit unüberwindlichen Gefahren verbunden ist.«(203) Perls verkennt darin die Macht der Traumata. Er rubriziert die Strategien der Realitätsvermeidung als Vermindern, Hinzufügen oder Verändern von dem, was ist.

    1) Verminderungsmechanismen sind: Sich blind machen gegen etwas (Skotom), nur Teile sehen (Selektivität), Bedürfnisäußerungen bei sich behalten (Hemmung) und Bedürfnisse nicht mehr bewußt spüren (Verdrängung).(204)

    2) Vermeidungsstrategien sind Vortäuschen des Gegenteils (Überkompensation), Muskelkontraktionen (Panzer), Vermeidung bestimmter tabuisierter Gegenstände oder Situationen durch rituelle Vergewisserungshandlungen (Zwangsneurose), Halluzinationen, Meckern, Rationalisieren statt Fühlen, überflüssige Tätigkeiten ausführen.(205)

    3) Veränderung von Realität als Vermeidungsmechanismus ist die Verlagerung des Kontaktes auf ein anderes als das wirklich gemeinte Objekt (Verschiebung), Ersetzen einer verbotenen Handlung durch eine erlaubte (Sublimierung), Entwicklung von körperlich-habituellen Auffälligkeiten (Symptombildung), punktuell funktional eingesetzte Schuld- und Angstgefühle statt wirklicher Verantwortung, Zuschreibung eigener Eigenschaften auf andere Personen (Projektion), Festhalten an Vertrautem (Fixierung) statt Kontakt zum Neuen, Hin-und-her-gerissen-sein zwischen den Polen einer Alternative (Unentschlossenheit), Rückwendung von auf andere Personen bezogenen Strebungen gegen die eigene Person (Retroflexion).(206) Allen Vermeidungshaltungen gemeinsam ist, daß ein Triebzyklus des Organismus unterbrochen wird, sodaß es nicht zur vollständigen Situation von Erfüllung kommt, sondern bei einer Störung des organismischen Gleichgewichts auf Dauer bleibt.(207)

    1.1.2.2.7 Angst als Sauerstoffproblem und Verkrampfung

    Gegenüber Freuds anfänglicher Erklärung von Angstneurose als Folge unterdrückter sexueller Impulse(208), später korrigiert als Reaktion auf Objektverlust, Adlers Erklärung als Zukunftssorge(209) und Ranks Herleitung aus der Enge im Geburtskanal(210) versteht Perls Angst mit Reichs organismischem Ansatz als Folge von gehemmter Erregung: »Erregung ist identisch mit gesteigertem Stoffwechsel, d.h. vermehrter Verbrennung und gesteigertem Bedarf an flüssigem Brennstoff und Sauerstoff. Um diesen gesteigerten Bedarf zu befriedigen, muß das Blut rasch mehr Sauerstoff in die Gewebe bringen«, wozu Herzfrequenz und Atemfrequenz gesteigert werden.(211) Im Angstzustand zieht sich konträr aber die Brust zusammen, wodurch Sauerstoffmangel entsteht. »Angst ist gleich Erregung plus unzureichende Sauerstoffzufuhr.«(212) Hyperventilation führt aber zum spastischen Atemkrampf, obwohl doch vermehrte Sauerstoffzuführung nach Perls eigentlich die Angst abbauen müßte.

    Insgesamt rekurriert Perls bioenergetisch auf Freuds energetischen Standpunkt der 25. der »Vorlesungen« von 1915-17 und hat, wie Reichs Stauungsangst als Folge gemiedener Realangst, offensichtlich Freuds späte Erklärung der Angst als Hilflosigkeit nach Objektverlust (Hemmung, Symptom, Angst 1926) gar nicht aufgenommen, die viel mehr das Umfeld des Ängstlichen einbezieht als die programmatisch feldtheoretische, faktisch aber isoliert biologistische Erklärung von Perls: Angst sei Erregung, bei der durch gehemmtes Atmen die nötige Sauerstoffzufuhr verhindert wird. Reichs Muskelpanzersyndrom bezieht Perls hier auf die Atemmotorik, die gefesselt wird von Teilen der Erregungsenergie. »Wegen dieses Erregungsüberschusses kann das organismische Gleichgewicht nicht wiederhergestellt werden. Weil die Abfuhr dieser Erregung verhindert wird, kommt die Motorik nicht zur Ruhe; der Organismus bleibt unruhig.«(213) Diese Energetik konvergiert mit Freuds »Entwurf« und dem VII. Kapitel der »Traumdeutung«, in der die Energiequantenlehre noch nicht als sexuelle Triebdynamik aufgefaßt ist.(214)

    1.1.3.3.8 Hunger und Aggression als aktiver Weltbezug

    Neben neurotischen Stoffwechselstörungen aufgrund von Kontaktvermeidung mit der Realität greift Perls unter den psychotischen besonders die paranoiden Wahnvorstellungen hervor. Verfolgungswahn beruht auf Assimilationsstörungen.(215) Assimilation von Nahrung geschieht beim Säugling durch den Anklammerungsbiß, mit dem die Brüste der Mutter zum Milchgeben stimuliert werden.(216) Später müssen die Zähne die feste Nahrung zerkleinern, um ihre Oberfläche zu vergrößern, damit sie dem chemischen Einwirken (Speichel, Magensäure, Pepsin) im Verdauungstrakt effektiver ausgesetzt ist.(217) Der Anklammerungsbiß und das Kauen sind aggressive Akte. Hier siedelt Perls die »wichtigste biologische Repräsentanz«(218) und damit die früheste Form von Aggression an, schon vor jeder Jagdtätigkeit, erst recht vor jeder kriegerischen Auseinandersetzung, wenn man es phylogenetisch wenden will. Umgekehrt stellt Perls kriegerische Aggression als Folge verdrängter dentaler Aggression dar: »Die Projektion, aber auch die Verdrängung der aggressiven Funktionen der Zähne... ist weitgehend für den beklagenswerten Zustand unserer Kultur verantwortlich... Jeder, der seine Zähne nicht gebraucht, verkrüppelt seine Fähigkeit, seine destruktiven Funktionen zu seinem eigenen Nutzen zu gebrauchen.«(219)

    Aggression dient primär nach Perls der Stillung von Hunger. »Die Zerstörungsfunktion ist zwar an sich kein Trieb, aber sie ist ein sehr mächtiges Werkzeug des Hungertriebes; sie wird 'sublimiert' vom Objekt 'feste Nahrung' abgelenkt. Sie äußert sich auf schädliche Weise, z.B. im Töten, in der Kriegführung, in Grausamkeit usw. oder, durch Retroflexion, als Selbstquälerei und sogar Selbstzerstörung.«(220) Gesundes Kauen, aktive Aneignung der Welt, führt zum eigenen Wachstum. Kaufaulheit oder -unlust diagnostiziert Perls beim gierigen, ungeduldigen Parasiten(221), beim Neurotiker, der ständig nach Zuneigung giert, niemals aber genug bekommt, weil er sie nicht assimilieren kann. Er verweigert, sie anzunehmen, oder wertet sie ab.(222) Säuglingsmenschen »erwarten beständig, für nichts etwas zu bekommen; sie haben nicht das für das Leben eines Erwachsenen nötige Gleichgewicht erlangt, das Prinzip des Gebens und Nehmens.«(223) Hinter Bescheidenheit kommt da sehr schnell Gier, statt des gebotenen Fingers wird die ganze Hand ergriffen. Oder als überkompensierte Kau-Unlust zieht der Beamte aus lauter Angst vor dem Verhungern die Mutterbrust Staatsrente seiner Selbstständigkeit vor.(224) Wie kommt es zur Beiß- und Kauunwilligkeit?

    Die orale Aggression, die konstitutiv für eine effektive Assimilation von Nahrung ist, wird möglicherweise schon beim allzu festen Biß auf die Brustwarze mit einem konditionierenden Klaps auf den Popo oder gar mit vorzeitigem Abstillen, dem Entzug der nährenden und wärmenden Brust gehemmt.(225) Schon vor jeder ödipalen Versagung wird an der hyperempfindlichen Mutterbrust Urvertrauen gestört und eine fundamentale Angst vor aktivem Kontakt zur Außenwelt erzeugt. »Je mehr die Fähigkeit zu verletzen gehemmt und projiziert wird, desto mehr entwickelt das Kind die Angst, verletzt zu werden, und diese Vergeltungsangst ruft wiederum ein noch größeres Widerstreben hervor, jemandem Schmerz zuzufügen.«(226) Daraus erwächst Retroflexion, die Rückwendung der Wut über den Liebesentzug als Härte gegen sich selbst.(227)

    Der durch ungleiche Güterteilung entstehende Hunger führt zur neidischen Aggression gegen die herrschende und mehr besitzende Klasse. Das Volk in der Wüste meutert gegen Mose, den Herrscher, sehnt die ägyptischen Fleischtöpfe herbei. »Wenn die Aggressionsspannung einer unterdrückten Klasse zu stark wird, lenken die Herrscher sie gewöhnlich nach außen gegen einen äußeren Feind. Sie zetteln einen Krieg an oder suchen einen Sündenbock in einer anderen Klasse, Rasse oder Religionsgemeinschaft. Mose jedoch wandte einen anderen Trick an: Retroflexion.«(228)

    Wer genügend kaut und beißt, wäre also weniger kriegslustig, sodaß psychotherapeutische Friedensarbeit auf den Ausdruck individueller Wut abzielt, damit sie sich nicht gegen die Menschenwürde anderer richtet. »Zweifellos leidet die Menschheit an unterdrückter individueller Aggression, und sie ist zum Ausführungsorgan und zum Opfer ungeheurer Mengen freigesetzter kollektiver Aggression geworden... Die biologische Aggression ist zur paranoischen Aggression geworden.«(229) In dieser mörderischen Verschiebung dentaler Aggression ist diese um ihre sinnvolle Entladung, ihren sinnvollen Einsatz gebracht, der mit der Kraft des Individuums beschreibbar wäre, sich die Welt assimilatorisch und produktiv anzueignen, autonom und ichbewußt. »Die Wiederherstellung der biologischen Funktionen der Aggression ist und bleibt die Lösung des Aggressionsproblems.«(230)

    1.1.3.3.9 Retroflexion als autodestruktive Aggressionshemmung

    In dieser Zweckentfremdung von dentaler Aggression sieht Perls zentral mit Freud die Religion als Transmissionshebel der lizensierenden Macht der herrschenden Klasse. Mose wandte »den Trick an, die Aggression auf die Aggressoren zurückfallen zu lassen. Retroflexion (Rückwendung) bedeutet, daß eine Funktion, die ursprünglich vom Individuum auf die Welt gerichtet war, ihre Richtung ändert und sich zurück gegen den Urheber wendet.«(231) Der Jude rauft nicht Jahwe die Haare, schlägt nicht ihm an die Brust, sondern sich selbst, wenn er sein Leid klagend und wütend zum Ausdruck bringt.(232)

    Ein Teufelskreis entsteht: »Mit Hilfe 'rückgewandter' Aggression wird eine weitere Aggressionswelle erstickt und wieder gegen die eigene Person gekehrt, und so geht es immer weiter. Moses hatte anscheinend nur die Absicht, die Aggression insoweit zu bannen, als sie seine Autorität bedrohte. In der christlichen Religion entwickelte sich dieser Prozeß jedoch weiter: Alle Triebe müssen verdrängt werden, und es kommt zu einer Spaltung zwischen Leib und Seele; der Leib als Träger der Triebe wird verachtet und als sündig verdammt.«(233) Der industrielle Verwertungsprozeß der Ware Arbeitskraft vollendet die Auslöschung individueller Aggression, autonomer produktiv assimilierender Aneignung der Welt durch den Organismus Mensch.(234)

    1.1.3.3.10 Introjektion als Uneigentlichkeit und Assimilation als Aneignung

    In heutigen Wohlfahrtsstaaten ist eigenständige Aneignung der Welt eher hinderlich für den reibungslosen Ablauf der Versorgung: Die vorgekaute Fertignahrung wird wie ein Schnuller eingeschoben, von der lediglich einzuspeichelnden Hostie (235) über die kritiklose Introjektion des Glaubensgutes kirchlicher Dogmatik(236) bis hin zu den eingängigen Naziparolen Göbbelscher Propaganda.(237)

    Im Wissenschaftsbetrieb hat sich Introjektion universal etabliert. »Diese Intellektuellen können alles schlucken, aber sie entwickeln keinen eigenen Geschmack, keine eigene Meinung; sie sind stets bereit, sich an diesen oder jenen '-ismus' als an ihren spezifischen Schnuller zu halten.«(238)

    Diesen »Schnuller-Komplex« beschreibt Lore Perls als Ausdruck früher Störungen. Abrupter Brustentzug aufgrund des Bisses der Babyzähnchen führt zur dentalen Hemmung auch gegen Festnahrung und lähmt die produktive Energie des Kindes. »Die Differenzierung in die Brust, die man intakt lassen muß, und feste Nahrung, die man beißen und kauen und zerstören muß, findet nicht statt.«(239) Statt aktiver Auseinandersetzung mit fester Nahrung bleibt es beim Saugen und Nuckeln. Über erste Kontakte, die Eroberung der Brustwarze oder ihrer Plastikattrappe, ihres Surrogats, geht die Aneignung nicht hinaus. Statt dauerhafter Bindungen bleibt es beim leichten Flirt. »Sie wissen von allem etwas, aber sie können sich nichts aneignen, was mit einer gewissen Anstrengung verbunden ist.«(240) Das mit Schnuller statt Brustwarze abgespeiste Kind lernt, mit Ersatzobjekten Vorlieb zu nehmen. »Es gibt kaum etwas, was nicht als Attrappe dienen kann, solange es nur Veränderungen in der Realität vermeiden hilft.«(241)

    Im Gegensatz zu Freud sieht Fritz Perls jede Form von Introjektion als »Teil eines paranoischen Pseudostoffwechsels«(242) an. Freud und Karl Abraham sollen bei ihrer Einschätzung von Introjektion übersehen haben, »daß Introjektion bedeutet, die Struktur von Dingen zu erhalten, die man in sich aufgenommen hat, während der Organismus ihre Zerstörung fordert.«(243) Nicht nur totale Introjektion, auch partielle hält Perls für pathologisch. Einzig Assimilation ist die wachstumsfördernde Form von In-sich-Aufnehmen der Welt.(244) »Ein aus Substanzen, aus Introjektionen aufgebautes 'Ich' ist ein Konglomerat - ein Fremdkörper in der Persönlichkeit -, ebenso wie das Gewissen oder das verlorene Objekt bei der Melancholie. In jedem Fall finden wir fremdes, unassimiliertes Material im Organismus des Patienten.«(245)

    1.1.3.3.11 Das Ich als Kontaktstelle und Grenze zur Welt

    Gegen Freuds topischen Ich-Begriff als quasi bewußtem Raum neben dem des Unbewußten, Triebhaftem und Verdrängtem und gegen Paul Federns Verständnis des Ich als einer Substanz definiert Perls das Ich als Kontaktfunktion des Organismus zu seiner Umwelt, in der Bewußtheit des eigenen Leibes und seiner Lebensäußerungen gegenüber seiner Umwelt durch Verantwortung, durch kommunikative Identifizierung oder Abgrenzung Ausdruck finden.(246) »Das Ich wird aus dem biologischen Unbewußten heraus differenziert; in der Folge jedoch sind bestimmte Ichaspekte verdrängt worden und bilden nun das psychoanalytische 'Unbewußte'.«(247) Perls beschreibt, am Konfliktmodell Freuds orientiert, das Ich als innere Kontaktgrenze und -funktion zwischen den Empfindungen und Strebungen des triebhaften Es und den geliebten Ich-Idealen bzw. den gefürchteten Einwürfen des Gewissens als Formen des Über-Ich.(248)

    Das Ich als Kontaktgrenze bildet sich im Austausch mit gesellschaftlichen Identifikationsmustern. Das Ich identifiziert sich oder grenzt sich ab. Der Unterschied zur partiellen Introjektion, der unverwandelten Hereinnahme sozialer Muster ins Ich, ist demnach für Perls lediglich graduell als krankhafte Häufung(249), nicht aber strukturell als unterschiedliches Aneignungsverfahren von Außenwelt ins Innere. Die Unvermeidbarkeit von Identifizierungen ist für Perls offensichtlich. »Ich stimme also mit Freud darin überein, daß das Ich in enger Beziehung zur Identifikation steht.«(250)

    Krank allerdings ist das Ich, wo es Identifizierung als substanzielle, unassimilierte Introjektion betreibt, »das Ich wird krank, wenn seine Identifikationen Dauererscheinungen sind, anstatt gemäß den Erfordernissen verschiedener Situationen zu funktionieren und mit der Wiederherstellung des organismischen Gleichgewichts zu verschwinden«.(251)

    Von Paul Federn übernimmt Perls die Idee, das Ich habe »fortwährend wechselnde Grenzen«.(252) Es kann sich vor- oder zurückbewegen. In der Projektion zieht sich das Ich vor den Anteilen zurück, die es anderen unterstellt und an sich selbst (und ihnen) mißbilligt. In der Identifikation mit einer sozialen Gruppe(253), Introjektion eines geliebten Menschen (z.B. bei Melancholie) dehnt das Ich seiner Grenze übermäßig aus. »Jede Hemmung und Verdrängung verengt die Ichgrenzen. Wir erweitern unsere Ichgrenzen, wenn wir uns mit unserer Familie, unserer Schule, unserem Fußballklub, unserem Land identifizieren.«(254) Gegenüber der Starre, die in Federns Verständnis des Ich als libidinöser Substanz besteht, betont Perls, daß das Ich keine Substanz ist, sondern lediglich die Funktion der Kontaktgrenze im Stoffwechsel wechselseitiger Identifizierung.(255) »Wo immer und wann immer eine Grenze entsteht, wird sie als Kontakt und Isolierung empfunden.«(256) Das gesunde Ich ist in seinen Grenzkontakten zwischen innen und außen und intern zwischen Trieben und Ideologien elastisch.(257)

    1.1.3.3.12 Neurotische Abspaltungsprozesse im Ich und der Gesellschaft

    Zugleich hat das Ich die Aufgabe der Integration aller Persönlichkeitsanteile. »Das Ich hat eine Art Verwaltungsfunktion; es verbindet die Handlungen des ganzen Organismus mit seinen vordringlichsten Bedürfnissen«.(258) Indem dabei das Ich Prioritäten abwägt und entscheidet, entwickelt es zugleich verantwortungsvolle Freiheit gegenüber Triebstruktur, Ideologie und nach außen gegenüber dem soziokulturellen Lebenszusammenhang. »Das Ich ist jedoch nicht bloß ein Knecht von Trieben und Ideologien; es ist auch ein Mittelsmann mit vielen Verantwortlichkeiten.«(259) Luthers Bild des von Gott oder dem Teufel gerittenen Menschen(260) klingt wieder an in Freuds Diktum, »daß das Ich nicht Herr sei im eigenen Hause«(261), vielmehr getrieben von der Macht des Unbewußten. Dies greift Perls auf: »Der Ort des Kontakts ist... identisch mit dem Ort des Konflikts... Um Konflikte zu vermeiden - um innerhalb der Grenzen der Gesellschaft oder anderer Einheiten zu bleiben -, grenzt sich das Individuum gegen jene Teile seiner Persönlichkeit ab, die zu Konflikten mit der Umwelt führen würden. Die Vermeidung äußerer Konflikte hat jedoch die Schaffung innerer Konflikte zur Folge.«(262) Die Spaltung des Ich ist nichts als blinder Ausdruck des gesellschaftlichen Zwanges.(263) Das Programm eines versöhnten Selbstverhältnisses als Ausdruck versöhnter gesellschaftlicher Verhältnisse »scheint im gegenwärtigen Stadium der Kultur außerhalb unserer Reichweite zu liegen. Inzwischen kann das Individuum nichts weiter tun, als die vielfältigen Identifikationen zu vermeiden, die unfehlbar zur Schädigung des persönlichen Holismus führen müssen... Diese Spaltungen, Konflikte und Nöte beim Individuum sind das mikrokosmische Äquivalent der gegenwärtigen Weltsituation.«(264) In dieser historischen Relativierung des neurotischen Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft liegt die Hoffnung einer möglichen Versöhnung bereit, anders als im Pessimismus der Freudschen Kulturphilosophie.(265)

    1.1.3.3.13 Projektion als halluzinatorische Extrapolation des Verdrängten

    Die abgespaltenen Persönlichkeitsanteile werden nicht nur verdrängt, sondern auch projiziert. Am Splitter im Auge des Anderen wird der eigene Balken wiedererkannt und übersehen zugleich. »Projektion ist im wesentlichen ein unbewußtes Phänomen. Der Projizierende kann nicht genügend zwischen der inneren und der äußeren Welt unterscheiden. Er sieht in der Außenwelt jene Teile seiner eigenen Persönlichkeit, mit denen er sich nicht identifizieren will.«(266) Auf die projizierten Ich-Anteile reagiert das Ich dann aggressiv, will sie von sich fernhalten. Es entwickelt Angst und Ablehnung vor diesen Elementen, die es dem Anderen unterstellt. Projektionen gibt es auch zwischen den Instanzen Ich, Es und Über-Ich innerhalb der Persönlichkeit(267) und in die Vergangenheit als Geschichtsfälschung eigener Biografie.(268) »Projektionen sind im strengsten Sinne Halluzinationen.«(269) Auch Paranoia ist projektive Wahrnehmung.

    1.1.3.3.14 Paranoider Pseudostoffwechsel

    Der Paranoide Charakter introjiziert ohne die assimilative Kaufähigkeit seine Umwelt. Da sie nicht wirklich in ihn eindringen kann, verlassen ihn die Introjekte schließlich wieder als unverdaut ausgeschiedene Projektionen. »Unter dem Einfluß von Widerständen verwandeln sich die gesunden Vorgänge des Essens und Defäzierens häufig in die krankhaften Vorgänge der Introjektion und Projektion«.(270) Zugleich mit den Projektionen verläßt den Leib auch eigene Substanz, sodaß er beständig an Kraft verliert und sich auszehrt. Mund und After als Konfluenzpunkte und Übergangszonen sind gefühllos, können nicht mehr unterscheiden (durch Ekel bzw. Appetit) und wahrnehmen, was den Leib betritt und verläßt.(271) Der Paranoiker muß das Projizierte beständig wieder angreifen, weil es zugleich immer auch verlorene eigene Substanz ist.(272) In dieser Aggression geschieht eine zweite Introjektion des angegriffenen Materials, welches wiederum den Körper unverdaut durchläuft und in zweiter Projektion wieder abgespalten und ausgeschieden wird. Ein Teufelskreis entsteht, in dem der Set von Projektionen und Introjektion des Projizierten den Kontakt zur Realität immer mehr verlorengehen läßt.(273)

    Eine Folge des zerstörten Realitätskontaktes ist dann der ambivalente Doppelkomplex von Größenwahn und Ausgestoßensein.(274) Realistische Relationen zu anderen Menschen, ebenbürtige Wertschätzungen, werden durch ein autistisches, narzißtisches Größenselbstgefühl ersetzt, dem unmittelbar dessen Gegenteil folgen kann. »In der Introjektionsphase - der Periode der Identifizierung mit den Fäzes - fühlt sich der paranoide Charakter als Dreck; in Zeiten der Projektion - der Abgrenzung - hält er sich für überlegen und betrachtet die Welt als Dreck.«(275) Entscheidend ist die Desensibilisierung von Mund und After, wodurch Introjektionen ohne Geschmacksprüfung und evtl. Ekelreaktionen möglich werden ebenso wie unbemerktes Hinausgleiten eigener Anteile im Projizieren. Perls betont eine durchgängige Erscheinung dieses Pseudostoffwechsels im geistigen und zugleich im körperlichen Bereich. »Wenn ein paranoider Charakter während der Analyse anfängt, sich den Projektionen als den verachteten Teilen seiner eigenen Persönlichkeit zu stellen, verspürt er Ekel und einen starken Brechreiz... Es zeigt an, daß der Zensor und die Ichgrenzen wiederhergestellt sind. Die Projektionen werden nicht mehr blind introjiziert.«(276) Indem Perls Paranoia als alimentäre Störung begreift, erreicht er durch Rekonditionierung des gesunden Verdauungsverhaltens zugleich die Strukturbildung für deren geistig-seelisches Äquivalent.

    1.1.3.4 Konzentrationstherapie als Rekonditionierung leiblicher awareness

    Aus der Analyse der Neurosestruktur ergibt sich als Ziel der Neurosebehandlung: Reorganisation eines gelungenen Stoffwechsels, der homöostatischen Balance(277) durch Kontakt mit dem Gefürchteten (Freud), Konfrontation mit dem Abgespaltenen und Vermiedenen(278), um eine Integration der mannigfaltigen Persönlichkeitsanteile zu erreichen. »Dieses aktive Verhalten, die Tatsache, daß man dem Patienten einen geistigen Spiegel vorhält, zielt auf eine Synthese ab, auf Integration - die Wiederherstellung des Kontakts zwischen den isolierten Teilen seiner Persönlichkeit.«(279) Hier ist die Zielbestimmung der Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile erstmals ins Spiel gebracht. Bei der alimentären Störung des paranoiden Charakters entgehen alle introjektiv und projektiv konfluenten Dysfunktionen der Aufmerksamkeit des Ich, während der Zwangsneurotiker seine Ichfunktionen als geschwächte durch Übertreibung kompensiert und statt Konfluenzen eher zwanghafte Vermeidung von Kontakt betreibt.(280) Da jede Zwangsneurose aber auch einen paranoischen Kern hat(281), will Perls beim Aggressionsausdruck ansetzen. »Die Behandlung der Zwangsneurose muß eine weitere Ausbreitung der Aggressionsvermeidung verhindern und zum direkten Ausdruck der Aggressivität anreizen. Sobald dies erreicht ist, verläuft die Behandlung wie beim paranoischen Charakter«(282), bei dem die alimentäre Störung durch Sensibilisierung der Körperöffnungen angegangen wird:

    1) Entwicklung von Geschmacksinn, Ekel als Kriterien der Assimilierbarkeit von Nahrung, Umgang mit kraftvoller fester Nahrung, Erlernen eines angemessenen Kauverhaltens, produktiver Aneignung der Realität, Anstrengung des Begriffs.

    2) Anale Sensibilisierung, Ertragen von Verlegenheit und Scham, Erkenntnis eigener Projektionen und Integration derselben.

    3) Auflösung von Retroflexionen.(283)

    Der szenische Aspekt traumatischer Ausschlußverfahren nichtlizensierter Bedürfnisdispositionen verweist auf unvollständig verlaufene Austauschsituationen zwischen Organismus und Umfeld. Schon der Ausdruck verbotener Gelüste wurde meist tabuisiert. So ist ein erster Schritt zur Wiederherstellung der Fähigkeit, diese Situationen vollständig bis zur Wunscherfüllung durchzugestalten, das Wiedererlernen des Ausdrucks der Gefühle und Sehnsüchte, der Trauer oder Wut, die sich statt in Weinen oder Toben nur noch sediert in permanenter Traurigkeit oder Besorgnis(284) äußern, darin aber notorisch fixiert. »Das Verhalten von Gefühlen führt zu einer emotionalen Vergiftung, genau wie Urinverhaltung Urämie verursacht. Menschen werden von Bitterkeit gegen die ganze Welt vergiftet, wenn sie ihre Wut auf ein bestimmtes Objekt nicht entladen.«(285) Solche Katarsis, reinigende Entladung unangenehmer, vermiedener Gefühle ist Vorbedingung für die Fähigkeit, Bedürfnisse zu befriedigen und konstitutiver Teil der »vollständigen Gestalt«.(286) »Der unangenehme Charakter negativer Gefühle bringt den Wunsch mit sich, diese Gefühle selbst zu vermeiden; sie können sich aber nicht in ihr angenehmes Gegenteil zurückverwandeln, wenn wir nicht zulassen, daß ihre Überspannung sich durch Abfuhr zu einer erträglichen Spannung wandelt und weiter bis zum organismischen Nullpunkt verändert.«(287)

    1.1.3.4.1 Widerstand als Beistand

    Mit bemerkenswertem Feingefühl entwickelt Perls die Regel, mit dem Widerstand zu gehen(288), während in Freuds Theoriebildungen und bei seinen Schülern der deutende Vorgriff des Analytikers gegen den Widerstand des Patienten an diesem geradezu das Maß seiner Richtigkeit nahm. Während in der klassischen Psychoanalyse die Grundregel heißt: alles was kommt, kommt auf den Tisch, nimmt Perls Verlegenheit und Scham des Patienten genau wie Angst und Ekel als wichtigen Hinweis auf die szenischen Faktoren der traumatischen Ausschlußverfahren ernst. »Deshalb darf es der Analytiker nicht unterlassen, dem Patienten eindringlich klarzumachen, daß er sich unter keinen Umständen zwingen darf, etwas zu sagen, wenn er dabei Verlegenheit, Scham, Angst oder Ekel unterdrücken muß.«(289) Widerstände sind in bestimmten Situationen Überlebensstrategien gewesen, die vielleicht im Fortgang der persönlichen Reife entbehrlicher werden können. Sie waren einmal »Beistand«(290) und nur durch ihre Erstarrung zu einem unelastischen, immergleichen Funktionsprinzip der Ichgrenzen hinderlich in der lebendigen Selbstentfaltung geworden. Selbstbeherrschung, die Fähigkeit, sexuelle Impulse, Harndrang und Hunger im Zaum zu halten, gelten allgemein als Zeichen eines starken Charakters,beruhen aber auf retroflexiver Unterdrückung der eigenen Gefühle. »Was erreicht werden muß, ist die Abschaffung der Retroflexionen.«(291) Die Auflösung von Retroflexionen geschieht durch eine Richtungsänderung. Aggression wird nicht mehr gegen die eigenen Triebe gerichtet, sondern gegen die Person(en), die einst zur Selbstunterdrückung durch ihre Aggression beitrugen. Aus der Identifikation mit dem Aggressor wird Aggression gegen den Aggressor.(292)

    1.1.3.4.2 Konzentration der Aufmerksamkeit auf das Leibgeschehen

    Als Integrationstechnik bei neurotischen Dissoziationen führt Perls Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Gefühle des Körpers ein. Die »awareness«-Konzeption stammt von Elsa Gindler, die mit ihrer Tastarbeit als Weg zu einem sehr zarten Erspüren körperlicher Vorgänge über Lore Perls auch Einfluß auf Fritz genommen hat. Sie wurde von Charlotte Selvers in den USA verbreitet. Auch Reich ist durch Gindler beeinflußt worden. Ziel von Körperkonzentration ist, »das 'Gefühl unserer selbst' wiederzugewinnen... das Alphabet des 'Sich-selbst-Fühlens' zu erlernen.«(293) Durch Rekonditionieren des organismischen Selbstverhältnisses soll der Organismus zu einem »vollständigeren Leben«(294) erweckt werden. Im Gegensatz zur erpreßten Konzentration, z.B. sich am Schreibtisch widerwillig zusammenzureißen(295) eignet interessierter Konzentration Faszination. Alles andere verschwindet zum Hintergrund.(296)

    Perls setzt ein mit dem Essen. Konzentriert Kauen ohne jede Ablenkung(297) ist biologische Etüde richtiger geistig-seelischer Hereinnahme von Umwelt ins Ich, ist Schutz vor unbemerkter Introjektion.(298) In Konzentration findet ein intensiver Austausch zwischen Ich-Bewußtsein und Unbewußtem statt.(299)

    Perls gibt in seinem praktischen Teil Übungen, die aufeinander aufbauen und die Fähigkeit zur Konzentration auf die leibliche Totalität schrittweise trainieren. Diese Übungen dienen der Selbstbehandlung(300) die er dem Leser durchaus zutraut und ihn damit zum Subjekt seiner eigenen Therapie macht. Nur wer seine Bedürfnisse und Gestalten wahrnehmen kann, kann sie auch verwirklichen. »Awareness« ist der Weg, sich den Tatsachen zu stellen, die man vor sich selbst verbirgt.(301) Mit der Konzentration auf jeden Bissen Essen(302) wird orale Frigidität(303) überwunden. Kauen und Beißen wird hier neu geprobt.(304) Genaues Hinschmecken macht verdrängtem Ekel Luft.(305) Der Umgang mit Ekelerregendem wird schrittweise wiedererlernt, statt der bisherigen Vermeidung.(306) In einem nächsten Schritt geht es um die dem Unbewußten nahe Welt katathymen Bilderlebens.(307) Das Konzentrieren und Bleiben bei einem solchen Bild soll zum Innewerden der eigenen Widerstände und Wünsche führen.(308) Ebenso gestaltet sich der Umgang mit den Bildern eigener Träume.(309) Sie kauen heißt: sie gut beschreiben und damit assimilieren.(310) Solche beschreibende und nicht kausalanalytische Konzentration(311) ist angewandte Phänomenologie, aus der Husserlschen Dediziertheit in den Alltag übertragen. So geht es in weiteren Übungen um Detailbeschreibungen des Traumszenarios(312) imaginierter Landschaften(313) und der aktuellen sinnlichen Realität außen und innen.(314) Damit wächst die Fähigkeit, sich realem Unglück zu stellen ohne allzu tagträumerische Ausweichmanöver(315) als futuristische Realitätsflucht oder regressiver Flucht vor der Aktualität in die schicksalsmächtige Vergangenheit, institutionalisiert in Freuds Tiefenhermeneutik.(316) - Eine weitere Tiefung von Konzentration erreicht Perls, wenn er empfiehlt, den eigenen Gedanken zuhören zu lernen, der eigenen Stimme, dem inneren Geplapper.(317) Inneres Schweigen(318) soll zu ausdrucksvollerem Reden führen.(319) Im Lauschen auf die Sprache des Körpers wird durch den grammatischen Ersatz des »Es« durch »Ich« schrittweise Selbstverantwortung für die leibliche Totalität der eigenen Existenz übernommen.(320) »Ich«-Sagen ist der Akt der Integration der bislang abgespaltenen Teile der leiblichen Existenz.(321)

    Muskelwiderstände spüren, zulassen, beschreiben ist wichtiger als Entspannungstechniken, wie sie Fredrik M. Alexander entwickelte.(322) Wieder zu Sinnen kommen, heißt für Verkrampfte, Loslassen lernen, wenn dies nicht zu Hypotonie führt.(323) Gymnastisches Ziel mit dem Fokus auf bewußtem Gehen und Spüren skotomisierter Körperregionen(324) soll den Zugang des Ich zur Muskulatur wiederherstellen, die Verkrampfungen der unbewußten Motorik in Ichfunktionen verwandeln(325), indem der Sinn der Verkrampfung durch Steigerung derselben hervorgelockt wird.(326)

    1.1.3.4.3 Übertragung

    Eine weitere Stufe der Konzentration widmet sich der analen Sensibilisierung und der Rücknahme von Projektionen. Perls sieht in der abstinenten Selbstrücknahme des Analytikers, der sich in der Übertragungssituation als Leinwand empfindet(327), zugleich eine Kontaktvermeidung(328), auch die versuchte Eliminierung der Analytikerpersönlichkeit ist eine Manipulation des Patienten und provoziert statt realer Kontaktfähigkeit die Steigerung von projektiver Wahrnehmung. »Erst wenn es ihm (dem Patienten, M.L.) gelungen ist, den aus Halluzinationen, Wertungen, Übertragungen und Fixierungen gewirkten Schleier zu durchdringen, hat er gelernt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind: Er kommt wieder zu Sinnen, indem er seine Vernunft anwendet. Er erlangt echten Kontakt zur Realität an Stelle eines Pseudokontakts zu seinen Projektionen.«(329) Ziel der therapeutischen Beziehung ist wirkliche Begegnung von Mensch zu Mensch. Ein Therapeut, der beständig sich verdeckt hält, infantilisiert den Patienten ein zweites Mal. Freuds Couch mit dem dahinter unsichtbar sitzenden Analytiker erweckt schon bei gesunden Menschen die Vorstellung eines überlegenen und mächtigen Elternteils. Perls' Erfahrung mit dieser analytischen Situation hat eher gezeigt, daß nicht die originale Wiederholung der frühkindlichen Traumata durch dieses Setting erreicht wird, sondern ebenso oft geschichtsfälschende Projektionen gegenwärtiger Beziehungsstrukturen auf jene zu Eltern und anderen frühen Bezugspersonen.(330) »Die Beschäftigung mit der Übertragung bedeutet eine unnötige Komplikation«.(331) Nicht nur Vergangenes konstituiert die Struktur gegenwärtiger Wahrnehmungsverzerrung, sondern ebenso Gegenwärtiges selbst oder nahe zeitliche Umgebung. Das Hier und Jetzt der therapeutischen Beziehung wird für Perls die entscheidende Struktur. In der multikausalen Konstitution der Gegenwart ist die frühe Genese ein Faktor unter anderen.(332)

    Eine Möglichkeit, paranoide Projektionen als eigene Anteile zu entlarven, ist in der Traumdeutung damit gegeben, alle Verfolgerwesen, wilde Tiere, Bestien und Mörder, als Gestalten des eigenen Ich durchzuspielen.(333) Es gilt dabei, den Sinn der Verfolgung ausfindig zu machen. Das Eingeständnis eigener sadistischer und feindseliger Tendenzen ist gerade dann ungeheuer schwer, wenn man sie durch die moralische Zensur beständig verdrängt hat. »Wenn man Angstträume hat, ist es nicht leicht zuzugeben, daß man ein teuflisches Vergnügen daran hat, anderen Angst einzujagen, oder daß man eine Giftschlange oder Menschenfresser ist.«(334)

    Im Umgang mit anderen Menschen bedeutet die Erkenntnis des »Tat twam asi«(335) einen ungeheueren Aufschluß für das Selbstgewahrsein. Das, was mich beim anderen stört, habe ich sicherlich selbst. Was mich am anderen fasziniert, ist mir gleichfalls nicht fremd. Mit der Rücknahme der Projektionen ins eigene Ich ist der Projektionsmechanismus aber noch nicht abgeschafft. Er entspricht somatisch analer Taubheit. Daher widmen sich weitere Etüden der Konzentration auf bewußtes Entleeren des Darms.(336) Dem oralen Ekel entspricht anal die Verstopfung als Widerstand, etwas übelriechendes herauszulassen.(337) Ebenso werden nochmals taube Stellen in der Körperwahrnehmung aufgespürt mit der charakteristischen leichten Ablenkbarkeit beim Konzentrieren auf somatische Skotome.(338)

    1.1.3.4.4 Retroflexionsänderung

    Um schließlich die Retroflexionen aufzulösen, hat Perls das Ausagieren von Aggressionen in der Phantasie entwickelt.(339) Was gegen die eigene Person gerichtet war, wird lokalisiert, an die richtige Addresse geschrieben und monodramatisch ausagiert. Dadurch geschieht nicht nur kathartische Entladung von Gefühlsenergie, sondern der entscheidende Richtungswechsel der zielgehemmten Gefühle. Die Trockenübung im Monodrama ist ähnlich dem heimlichen Tanzen junger Mädchen vorm heimischen Spiegel Einübung in neue Verhaltensweisen, die später in konkreter sozialer Interaktion sich zu bewähren haben. Wie im planenden Denken Probehandeln reales Handeln antizipiert, wird monodramatisch Realhandeln vorbereitet.(340) Die Technik des leeren Stuhls, die später zur Erkennungsmelodie der Gestalttherapie wurde, ist hier im Keim angelegt: Phantasiedialoge, bei denen der nicht gegenwärtige Partner auf dem freien Stuhl sitzt und im Rollentausch mit Wechsel des Stuhles mitgespielt wird, sollen nicht nur die wechselseitigen Identifikationen und Projektionen transparent machen, sondern auch die Möglichkeit einer unbefangeneren und freieren Kommunikation einüben.(341) Was wegen Befangenheit, Hemmung und Angst in realer Interaktion nicht auszutragen ist, kann gewissermaßen in kleinen Lektionen neuer Interaktionsstrukturen allmählich vorbereitet werden. »Sie müssen den Wunsch, bewundert zu werden, die Furcht, angestarrt zu werden und das Gefühl, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, in die aktiven Haltungen der Begeisterung, des Beobachtens und der Konzentration Ihres Interesses auf ein Objekt verwandeln.«(342) So dient die Phantasieübung monodramatischen Rollenspiels dem Rekonditionieren der zielverhemmten Ausdrucksformen von Gefühlen zu zielgerichteten, der Auflösung der Retroflexion.

    1.1.3.4.5 Unvollständige Situationen lösen

    Alle Symptome haben einen geheimen Sinn. Am Beispiel von Schlaflosigkeit erläutert Lore Perls dies: »Wir gehen oft mit unvollständigen, unabgeschlossenen Situationen ins Bett, und es gibt Hunderte von Möglichkeiten, wo es für den Organismus wichtiger ist, eine Situation zu Ende zu bringen, als zu schlafen.«(343) Generell gilt dies für jedes Symptom. Es perpetuiert die Lösungsversuche einer unvollständigen Situation. Die Probleme, die zur Lösung anstehen, sind momentan dann wichtiger als ein Ruhezustand des Körpers. Der Schlaflose ist mit dem Nachdenken über alle Irritationen, die ihm den Kopf martern, besser beraten als mit Valium oder dem paradoxen Selbstzwang, nun aber endlich einschlafen zu wollen, womit genug Energie gebündelt wird, um jeden Schlaf zunichte machen zu können.(344) Ähnlich geht es bei Angstzuständen um die Stoffwechselsteigerung: Der Erregung freies Spiel zu lassen, sich trauen, verrückt zu wirken, schreiend, seufzend, stöhnend der inneren Not Ausdruck zu geben.(345) Die hier angeregte Technik fand lange Zeit in der Aktionsphase des therapeutischen Prozesses rege Anwendung. Die Freude am freien Aggressionsausdruck im geschützten Reservat der Therapiegruppe war Perls' souveränes Potential in Esalen.

    1.1.3.4.6 Atmen als Umweltkontakt und unmittelbarster Gefühlsausdruck

    Wie wichtig die Bedeutung des Atmens als permanentem Austausch mit der Umwelt ist, findet bei Perls nur andeutungsweise Platz. »Während Freud und seine Anhänger die Bedeutung des Sexualtriebes, Adler die Folgen des Minderwertigkeitsgefühls, Horney das Bedürfnis nach Zuneigung, Reich den muskulären Widerstand und ich die Bedeutung des Hungertriebes untersucht haben, muß die Psychoanalyse der Atmung erst noch unternommen werden. Flache Atmung und Seufzen bei Depressionen und chronisches Gähnen bei Langeweile sind fast so bekannt wie das Ringen nach Luft im Zustand der Angst.«(346) Mittlerweile hat sich eine ganze Schule von Atemtherapie - Ilse Middendorf und die jungianische »Initiatische Therapie« Graf Dürkheims(347) - konsolidiert, in der das Atemmuster als Ausdruck der Emotion und Befindlichkeit zu einem tiefen und vollständigen Kontakt zur Welt rekonditioniert wird. Bemerkenswert ist, daß Perls seinen Ansatz bei der Oralität nicht als konkurrenzlose Wahrheit betrachtet, sondern als Hervorhebung eines Aspektes der Ganzheit des Menschenleibs.

    1.1.3.4.7 NegativeZieltaxonomie: Aufhebung gesellschaftlicherPathogenese

    Perls versteht das Ziel von seinen therapeutischen Interventionen als ein negatives, damit ein Stück dem jüdischen Bilderverbot verpflichtet: »Der 'Endgewinn' ist negativ: die Zerstörung einer Störung.«(348) Die rekonstituierte organismische Selbstregulation wird den Leib gesund wachsen lassen. Solange aber Moral und Ideologien die Spaltung der Persönlichkeit bewirken, - Perls führt als klassisches Beispiel Dr. Jekyll, den guten Arzt und Mr. Hyde, den unter Drogen transformierten Bösewicht im selben Leib an -, ist wenig Hoffnung auf eine integrierte und damit integere gesellschaftliche Konstitution einer friedfertigen Persönlichkeit gegeben, die mit ihren Aggressionen fruchtbar umgehen kann.

    Psychoanalyse als Rekonstitutionspraxis gesellschaftlich deformierter Subjektstruktur steht damit in einem unabdingbar politischen Hoffnungszusammenhang. »Ein Individuum kann von der Opiumsucht geheilt werden; man kann es vielleicht sogar von seinem geistigen Opium, vom Idealismus, heilen. Doch wird die Menschheit jemals erkennen, daß ein Ideal nur eine schöne Luftspiegelung ist, die dem wirklichen Kamel bei seinem wirklichen Marsch durch die wirkliche Wüste kein wirkliches Wasser liefern kann?«(349) In der Unmittelbarkeit sinnlicher Wahrnehmung, so verstellt sie auch bereits durch moralgemäße neurotische Abspaltungen und Skotombildungen geworden ist, liegt für Perls die manifestierte und verleiblichte Hoffnung hermeneutischer Selbstüberschreitung des gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs.